"Wir machen die Armut und das Leid sichtbar"

#1 von carlos , 28.12.2013 22:41

Engagement auf ZeitKönnen Sie helfen?Seite 3/3


Für das Projekt Herzbrücke operiert der Hamburger Chirurg Friedrich-Christian Rieß ehrenamtlich kranke Kinder aus Afghanistan

Es scheint eine herrliche Sonne an diesem Wintermorgen, als Friedrich-Christian Rieß die letzte mit Blut vollgesogene Mullkompresse aus dem offenen Brustkorb des Patienten vor ihm zieht und sie über dessen Herzen auswringt. Das Organ pumpt regelmäßig. Die Assistenzärztin saugt das überschüssige Blut ab. Mit Stromimpulsen stillt Rieß letzte Blutungen. Der Geruch von verbranntem Fleisch vermischt sich mit dem süßlich-sauren Geruch des Operationssaals im Hamburger Albertinen-Krankenhaus.

Soeben hat Rieß einem 61-jährigen Diabetiker, der bereits zwei Herzinfarkte erlitt, einen arteriellen Bypass am schlagenden Herzen gelegt. Ohne Herz-Lungen-Maschine. Es ist Rieß’ Spezialgebiet: Seit 16 Jahren führt der 58-jährige Chefarzt der Herzchirurgie seine Bypass-Operationen mit der sogenannten Off-Pump-Methode durch. Für diese schonende Operationstechnik entwickelte er mit seinem Bruder ein chirurgisches Gerät zur Stabilisierung des Herzens. Die Operation ist für ihn reine Routine: "Ich führe sie täglich durch. Manchmal sogar zweimal am Tag."

Wie oft Rieß in seinen 31 Jahren als Chirurg schon operiert hat, weiß er nicht mehr so genau. "Es müssen über 10.000 OPs sein." Dafür kennt er die Zahl der herzkranken Kinder aus Afghanistan, denen er und seine Kollegen in Hamburg ein zweites Leben geschenkt haben: 107. Seit acht Jahren leitet er ehrenamtlich das Projekt Herzbrücke der Albertinen-Stiftung. Er rettet Kindern mit angeborenen Herzfehlern, die aus Krisengebieten und armen Verhältnissen stammen, mit einer Herzoperation das Leben. "In Afghanistan gibt es nach 30 Jahren Krieg nur eine kleine Einrichtung in Kabul, die in begrenzter Zahl herzchirurgische Eingriffe an Kindern durchführen kann. Die Kapazität reicht bei Weitem nicht aus", sagt Rieß. Die meisten herzkranken Kinder seien sich selbst und einem frühen Tod überlassen.

Rieß sitzt nach der dreieinhalbstündigen Bypassoperation in seinem Büro. Auf den vollgestopften Bücherregalen stehen acht Glaskugeln, in denen verschiedene Herzklappen in Kunstharz eingegossen sind. "Ich bin Vollblut-Herzchirurg", sagt Rieß und lacht. Nach mehr als drei Stunden Millimeterarbeit wirkt er kein bisschen müde. Friedrich-Christian Rieß, das wird schnell klar, ist ein Macher: energiegeladen und spontan.

Die Herzbrücke, erzählt Rieß, fliege zweimal im Jahr jeweils bis zu zehn Kinder für eine lebensrettende Operation von Kabul nach Hamburg. Dort leben sie drei Monate lang bei Gastfamilien, um sich von der Operation zu erholen. Die Ausreise aus Afghanistan ist mit großem bürokratischem Aufwand verbunden, und bei der Behandlung und Betreuung der Kinder in Deutschland sind mehr als 100 meist ehrenamtliche Helfer beteiligt – die Gastfamilien spielen dabei die zentrale Rolle. Auch Rieß war bereits zweimal in Kabul und hat mit seiner Familie – er und seine Frau haben sechs Kinder – sieben Gastkinder aufgenommen.

Oft empfängt Rieß in Hamburg Kinder, denen man schon äußerlich die Schwere ihrer Erkrankung ansieht. Sie haben eine bläuliche Hautfarbe, die Lippen sind fast schwarz. "Wegen des angeborenen Herzfehlers wird ihr Gewebe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Einige sind kaum noch belastbar, sie ringen bei den kleinsten Anstrengungen nach Luft. Manche verlieren das Bewusstsein", sagt Rieß.

Diese Kinder stehen zuoberst auf der Dringlichkeitsliste, die ein afghanischer Kinderkardiologe nach Voruntersuchungen in Kabul für die Herzbrücke erstellt. "Wir wissen, dass wir nicht allen herzkranken Kindern Afghanistans helfen können." Deshalb schult Rieß als Aufbauhilfe afghanische Ärzte in Hamburg. Irgendwann sollen Operationen vor Ort möglich werden. Noch fehlt es dort an Infrastruktur und Wissen.

Rieß glaubt an die gesellschaftspolitische Wirkung des Hilfsprojekts. "In Deutschland machen wir die bittere Armut und das Leid dieser Kinder sichtbar. Und wenn wir als christliches Albertinen-Krankenhaus ein muslimisches Kind vor dem sicheren Tod retten, spricht sich das in den großen Clans Afghanistans sehr schnell herum." Die Kinder würden gesund in ihre Heimat zurückkehren: als Botschafter des Friedens.

Adrian Meyer

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RE: "Wir machen die Armut und das Leid sichtbar"

#2 von carlos , 28.12.2013 22:41

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