Famulatur in Indien

#1 von carlos , 08.12.2012 13:11

Unser Abenteuer begann eigentlich schon vor Antritt der Reise. Zunächst einmal, die vielen Vorbereitungen, die getroffen werden mussten: den Kontakt nach Indien herstellen, was über die ZAD geschah; die vielen Impfungen, die man über sich ergehen lassen muss, wobei man vorher nochmal überlegen sollte bei welcher Krankenkasse man ist und ob es sich nicht lohnt zu einer zu wechseln, die einen Großteil der Kosten übernimmt; Spenden für die Klinik in Indien zusammen trommeln ( an dieser Stelle nochmal herzlichen Dank an alle Firmen, die uns dabei so tatkräftig unterstützt haben) und das Visum beantragen. Hier sei nur einmal kurz erwähnt, dass Visum auf gar keinen Fall über indienvisum24 zu beantragen. Wir hatten nur Ärger mit dieser Organisation. Obwohl wir unser Visum einen Monat früher als notwendig beantragt hatten, mussten wir es am Ende persönlich in Berlin abholen, weil es uns sonst nicht mehr rechtzeitig erreicht hätte. Also wirklich nicht empfehlenswert.

Am 5. August ging es dann endlich los. Voller Vorfreude stiegen wir in den Flieger ein und unsere Reise nach Indien begann.

Mit einem strahlenden Lächeln und Blumenketten als Willkommensgeschenk wurden wir am Flughafen von Mr. Johnson, unseren Betreuer für die Zeit hier, empfangen. Wir fuhren nach Nazareth, wo wir für den Anfang der Zeit untergebracht waren. Bereits auf dem Weg dorthin mussten wir feststellen, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Wir gingen zu dritt Mittag essen. Da wir noch so satt waren, aßen wir selber nur eine kleine Suppe, Mr. Johnson hingegen ließ es sich ordentlich schmecken. Als wir fertig gespeist hatten und die Rechnung kam, schob er diese ohne mit der Wimper zu zucken einfach zu uns herüber. Wir durften also zahlen. Und genau dieses Problem wirft einen großen Schatten über unsere Zeit in Indien: Bereits vor Antritt der Reise mussten wir Rs 28000, das sind umgerechnet ungefähr 450€ an Mr. Johnson überweisen. Es war vereinbart, dass er von diesem Geld unsere Unterkünfte, unser Essen und unsere Zugtickets bezahlt, da wir an den Wochenenden Indien bereisen wollten. Hingegen dieser Abmachung, sollten wir plötzlich Goldesel spielen und für alle anfallenden Kosten aufkommen. Für Hotelunterbringungen, für einen Teil des Essens, für Spritkosten, was sich ,auch bei geringeren Preisen als in Deutschland, rapide schnell summieren kann und noch Einiges mehr. Wir zahlten immer für ihn mit, mit der Begründung, dass er das alles nur für uns machen würde. Die Ausgaben überstiegen sehr schnell unser Budget und als wir dieses Problem ansprachen stoßen wir immer wieder nur auf Unverständnis. Auch größere Ausgaben, wie den Aufenthalt auf einem Hausboot ( 150€ die Nacht) mussten wir zahlen, ohne das wir vorher auch nur mal gefragt wurden, ob wir diesen Ausflug überhaupt machen wollen. Wir wurden immer vor vollendete Tatsachen gestellt und mussten dann zahlen. Dabei sei erwähnt, dass wir diesen Luxustag auf dem Hausboot durchaus auch hätten alleine genießen können. Aber Mr. Johnson, der das ja alles nur für uns macht, war auch mit dabei und ließ sich auf unsere Kosten verwöhnen. Ich denke, es kommt rüber, was wir hier andeuten möchten: Wir wurden gnadenlos ausgebeutet unter der Flagge der sozialen Tätigkeit.

Hinzu kommt, dass sich Mr. Johnson im Krankheitsfall fast unmenschlich verhalten hat. Zwar versorgte er uns mit schwarzen Tee und Zitrone, um einer Magenverstimmung entgegen zu wirken, aber wenn es um den Besuch seiner „ sisters and brothers“ ging, nahm er keine Rücksicht auf Verluste. Mit einer Infektion, die Fieber, Erbrechen, Durchfall und starke Magenkrämpfe mit sich brachte, schleifte er uns trotzdem, wie zwei Äffchen ,zu seinen Bekannten, um uns zu präsentieren. Natürlich war uns bewusst, dass es ein Teil der indischen Kultur ist, immer freundlich zu sein und auch, dass Weiße eben etwas Besonderes sind und wir dort sehr viele Leute besuchen werden, nur, damit sie uns mal gesehen haben. Aber im Krankheitsfall sollte die Gesundheit im Vordergrund stehen!

Der soziale und ideelle Gedanke, wegen dem wir uns hauptsächlich auf die lange Reise begeben hatten, ging leider auch verloren.

Die Idee war, dass wir in der ersten Woche immer von Dorf zu Dorf im Bereich Tiruneveli ziehen und dort sogenannte Dental Check Ups durchführen. Das heißt, wir haben in den Schulen immer erklärt, wie man sich richtig die Zähne putzt, Zahnbürsten verteilt und das Putzen trainiert. Anschließend haben wir alle Kinder untersucht und dokumentiert, was alles behandelt werden muss. An den Nachmittagen bis meistens spät in den Abend machten wir solch einen Check Up bei den Erwachsenen Dorfeinwohnern. In den folgenden Wochen waren wir in einer kleinen Klinik in Tiruneveli. Dort wollten wir zusammen mit Dr. Barathy, eben diesen Dorfbewohnern eine entsprechende Versorgung zukommen lassen. Kostenfrei. Stattdessen war es den Dorfbewohnern gar nicht möglich in die Stadt zu kommen und sich in der Klinik behandeln zu lassen, da ihnen die finanziellen Mittel dazu fehlten. Auch hier waren wir nur Mittel zum Zweck. Da wir Weiße waren und in Indien als etwas ganz Besonderes angesehen wurden, kamen die Patienten aus der Stadt in Scharen zu Dr. Barathy. Gelegentlich veranstaltete sie ein großes Dental Camp auf nahe gelegenen Dörfern, die letzten Endes nur der Eigenwerbung dienten. Die Patienten kamen, um uns zu sehen und von uns behandelt zu werden. Das taten wir auch.Leider mussten wir später feststellen, dass hinter unserem Rücken doch Geld floss und die Behandlung nicht, wie versprochen, kostenlos war. Das Ganze war sehr enttäuschend für uns! Auch die Art und Weise der Behandlung war erschreckend. Obwohl alle Mittel da wären, um ordnungsgemäß zu therapieren, geht es nur um den Profit. Es werden tote Zähne gefüllt, um sie 1-2 Jahre später ziehen zu können und somit zweimal Geld zu verdienen. Und Vieles dieser Art mehr.

Wir müssen sagen, dass wir von unserer Famulatur an sich sehr enttäuscht sind und bitten die ZAD inständig den namen Mr. Johnson von ihrer Liste zu streichen. Dieser Mann ist einfach eine Zumutung!

Unser Dank für die Arbeit, auch wenn sie bei Weitem nicht so effektiv ausgefallen ist, wie erhofft , waren die vielen strahlenden Kinderaugen und das Lächeln der Dorfbewohner, die so glücklich waren, dass wir ihnen unsere Zeit schenkten!

Neben den vielen Negativ- Erfahrungen haben wir jedoch auch sehr schöne Erlebnisse gehabt! An den Wochenenden waren wir in Kollam, Allappey, Mararikulam, Ernakulam, Kanyakumari, Ooty, Mamallapuram und Chennai.Wir haben wirklich viel gesehen und konnten einen Eindruck von Indien gewinnen. Wir haben auch sehr viele freundliche und hilfsbereite Menschen kennen gelernt, wie z.B. den Präsidenten von JCI, der uns bei einem Dental Camp tatkräftig unterstützt hat und uns dann noch in einem Ausflug die Umgebung näher gebracht hat. Wir haben sehr viel über die Kultur und die Lebensweise der Inder kennen gelernt. Das hat uns zwar oftmals den Kopf schütteln lassen, aber gleichzeitig auch wieder fasziniert. Wir sind froh diese Erfahrung gemacht zu haben, hoffen aber, dass sie für die nächsten Studenten, die sich Indien als Reiseziel vorgenommen haben, etwas positiver ausfallen wird.

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