Famulatur allgemein

#1 von carlos , 22.07.2010 11:40

aus dem Medizinerleben! Es gilt - wie gesagt - in erster Linie für Humanmediziner, lässt sich in etwa aber (fast) analog übertragen

Die meisten Studenten machen ihre erste Famulatur nach dem ersten klinischen Semester: Nach dem Physikum braucht man schließlich erst einmal eine wohlverdiente Pause, aber auf die Zeit nach dem ersten Staatsexamen will auch kaum einer warten. Um einen Platz muss man sich rechtzeitig kümmern: Unikliniken nehmen oft nur wenige Famulanten an, weil schon viele PJler im Haus sind. Selbst wenn manche Kliniken oder Praxen noch kurz vor Ferienbeginn Famulanten akzeptieren, sollte man sich - allein der Höflichkeit halber - ein halbes Jahr vorher telefonisch melden. Manchmal wird dann eine kurze schriftliche Bewerbung mit Lebenslauf verlangt. Wer ins Ausland will, hat entsprechend längere Vorlaufzeiten: Für eine Famulatur in weit entfernten oder "exotischen" Ländern muss man Bewerbungen - eine einzige führt nur selten zum Erfolg - schon ein bis zwei Jahre vor dem geplanten Beginn schicken. Doch Vorsicht ist geboten: "Die erste Famulatur sollte man zu Hause machen", rät Thomas Vorbach, studentisches Vorstandsmitglied beim Marburger Bund. "Wer noch nicht Blutabnehmen kann, ist in Neuseeland oder Tansania fehl am Platz." Selbst wenn man hofft, im Ausland mehr praktische Dinge tun zu dürfen, sollte man sich erst mit den Abläufen in einer hiesigen Klinik vertraut machen und den Umgang mit Patienten trainieren. Das ist in einer fremden Kultur und Sprache schwieriger. Vielleicht schadet man mit verfrühten Auslandsfamulaturen nicht nur sich selbst, sondern auch anderen, meint Thomas Vorbach: "Die ausländischen Ärzte bekommen einen schlechten Eindruck und akzeptieren in Zukunft eventuell keine deutschen Studenten mehr." Wer meint, Deutschland unbedingt den Rücken kehren zu müssen, kann es in der Schweiz oder in Österreich versuchen: Dort haben die Medizinstudenten zu anderen Zeiten Semesterferien als ihre deutschen Kommilitonen, sodass man mit etwas Glück der einzige Famulant im ganzen Krankenhaus ist und entsprechend viel Aufmerksamkeit bekommt.

Kleine Klinik oder großes Haus?

Doch auch wer hier bleibt, hat die Qual der Wahl: Uniklinik oder Kreiskrankenhaus? Landarztpraxis oder Hightech-OP? "Für den Anfang ist ein kleines Krankenhaus am besten", empfiehlt Wulf Breuel. "In der Uniklinik haben AiPler und PJler immer Vorrang vor Famulanten, außerdem wird man das letzte Jahr seines Studiums sowieso dort verbringen." Gegenüber einer Arztpraxis hat das Krankenhaus den Vorteil, dass Studenten schon richtig "ran dürfen": Die Ärzte freuen sich meist, wenn der Famulant selbstständig Patienten aufnimmt und ihnen Arbeit erspart. Auch die Patienten bringen Zeit mit und lassen sich meist geduldig ausfragen und abklopfen. In einer Praxis dagegen erwarten sie, dass "ihr Arzt" sie untersucht. Der wiederum will möglichst schnell und effektiv arbeiten, weil Zeit für ihn Geld ist. Da beschränken sich die Aufgaben des Famulus schnell auf bloßes Zusehen und Zuhören.

Das muss aber nicht so sein: Monika Hien hat ihre erste Famulatur in einer großen internistischen Gemeinschaftspraxis gemacht und war damit sehr zufrieden: "Ich habe gelernt, wie man einen Lungenfunktionstest, eine Ergospirometrie und ein EKG macht - Dinge, die im Krankenhaus untergehen, wo man nur die fertigen Befunde auf den Tisch bekommt." Bei neuen Patienten durfte Monika Anamnesen erheben und Blut abnehmen. Eine der Ärztinnen besprach täglich interessante Fälle mit ihr.

Lernziel: Untersuchungstechnik Nach oben hoch

Nachwuchs-Medizinern bleibt es selbst überlassen, in welchen Fächern sie famulieren wollen: Innere, Chirurgie, Anästhesie, Pädiatrie oder gar Gerichtsmedizin? Wie entscheidet man sich? Ratgeberbücher machen unterschiedliche Vorschläge: Markus Vieten plädiert im Via medici-Buch "Medical Skills" für die Chirurgie als Fach für die erste Famulatur, während Hans-Joachim Anders in "Erfolgreich Medizin studieren" einen Monat in der Inneren Medizin und direkt im Anschluss einen Monat im Wunschfach empfiehlt. "Wer noch nicht weiß, ob er Kinderarzt oder Neurochirurg werden will, trifft mit der Inneren Medizin sicher keine falsche Wahl", meint Thomas Vorbach. Auf einer internistischen Station könne man Techniken wie Auskultation und Perkussion, die man im Klopfkurs gelernt hat, nach Herzenslust üben und lernen, pathologische Befunde vom Normalzustand zu unterscheiden. "Wenn man aber schon seit dem ersten Semester davon träumt, Anästhesist zu werden, sollte man auch in der Anästhesie famulieren", rät Vorbach, der selbst gerade sein Medizinstudium beendet hat und Intensivmediziner werden möchte. So könne man herausfinden, ob das Traumfach die Träume wirklich erfüllt, und sich im Zweifelsfall rechtzeitig umorientieren.

Respekt vor den Schwestern Nach oben hoch

Dann endlich ist es so weit: Der Famulaturplatz im Wunschfach ist erobert, der erste Tag im weißen Kittel beginnt! "Unbedingt pünktlich kommen", rät Thomas Vorbach. Das akademische Viertelstündchen sei in der Klinik fehl am Platz. "Man sollte sich jedem vorstellen, dem man über den Weg läuft - vor allem jeder Krankenschwester", sagt Wulf Breuel, der selbst Zivi im Krankenhaus war.

Das kann Christine Popp, Krankenschwester und Medizinstudentin, bestätigen. Sie arbeitet neben dem Studium auf einer hämatologischen Station. "Es ist mir oft peinlich, wie herablassend sich einige Medizinstudenten gegenüber dem Pflegepersonal verhalten", sagt sie. Dabei ist man gerade als unerfahrener Neuling auf das Wohlwollen der Schwestern und Pfleger angewiesen. Diese kennen nicht nur die organisatorischen Abläufe, sondern wissen oft auch besser als der Famulant, was ein Patient aus medizinischer Sicht benötigt. Arroganz ist also unangebracht: "Wer sich die Schwestern zum Feind macht, ist selbst schuld", sagt Wulf Breuel. Natürlich gibt es auch die berühmten "Drachen", die den Studenten gern eins aufs Dach geben. Doch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft kommen sogar bei ihnen gut an.

Aktiv mitmachen!

Nicht nur der Umgang mit den Schwestern will gelernt sein, auch Ärzte sind oft nicht gerade pflegeleicht. Gehetzt vom Klinikalltag, haben sie nicht immer Lust oder Zeit, dem Frischling geduldig alles zu erklären. Manche Studenten haben Glück und bekommen einen Arzt, dem sie während der ganzen Famulatur "am Kittelzipfel hängen" dürfen. Nach einem solchen Mentor sollte man am ersten Tag ruhig fragen. Doch auch für die Ärzte ist der Umgang mit den Famulanten nicht immer leicht. Wolfgang Janni ist Stationsarzt in der Universitäts-Frauenklinik Maistraße in München und hat schon Generationen von Medizinstudenten kommen und gehen sehen. "Von einem Famulanten erwarte ich, dass er sich aktiv ins Stationsleben integriert", meint er. "Er bekommt eigene Patienten, die er selbst aufnehmen und dem Oberarzt vorstellen soll. Wenn er das tut, nimmt er mir Arbeit ab, und ich habe mehr Zeit, Fragen zu beantworten oder ihm praktische Dinge beizubringen." Wer nur in der Ecke herumstehe und kein Interesse an der Stationsarbeit zeige, brauche sich nicht zu wundern, wenn sich niemand um ihn kümmere. Probleme hat Wolfgang Janni mit manchen "Greenhorns", die frisch vom Physikum kommen und tonnenweise Theoriewissen im Kopf haben: "Sicher wissen Studenten manche Sachen besser als wir, doch sollten sie bescheiden bleiben: Wer meint, er könne mit diesem Wissen die Station selbst führen, hat sich getäuscht."

Recht auf Ausbildung

Einfach ist der Anfang an der Ärztefront also nicht: Passiv soll man nicht agieren, gleichzeitig nicht besserwisserisch auftreten. Sich da nicht unterkriegen zu lassen, verlangt Selbstbewusstsein. Verantwortung übernehmen und eigene Fehler eingestehen fällt am Anfang nicht leicht. Wer kassiert bei der Visite schon gern einen Rüffel vom Oberarzt, weil er in der Akte etwas übersehen hat oder nicht wusste, dass dieser oder jener Laborwert wichtig ist? Doch wer etwas leistet und die Ärzte entlastet, hat auch ein Recht darauf, etwas beigebracht zu bekommen. "Manchmal muss man dem Arzt auf den Keks gehen und fragen, ob man zuschauen oder selbst Hand anlegen darf", meint Thomas Vorbach. Auch Manuela Wild bestätigt das: "Nie denken: ,Die haben nun mal keine Zeit für mich.‘" Vom gestressten Gehabe der "echten Ärzte" sollte man sich auf keinen Fall abhalten lassen, alles zu fragen, was unklar ist. "Statt protzige Bücher in der Kitteltasche herumzuschleppen, bewaffnet man sich lieber mit Stift und Zettel und schreibt alles auf, was man fragen will", gibt Thomas Vorbach als Tipp. Beim Frühstück und in der Kaffeepause sollte man den Stationsarzt dann ruhig löchern. Viele Dinge kann man sich auch von anderen Famulanten und PJlern erklären lassen. Wenn der erfahrene Student dem Newcomer Blutabnehmen oder Lungenabklopfen zeigt, profitieren beide davon.

Aller Anfang ist schwer

Das erste Mal als "Arzt" begegnet man den Patienten meist beim morgendlichen Blutabnehmen - eine Technik, die viele Studenten bei ihrer ersten Famulatur noch nicht aus dem Effeff beherrschen. Bevor man zusticht, sollte man sich vorstellen und erklären, dass man ein Praktikum auf der Station macht. Denn die meisten Patienten spüren, dass der, der da nervös mit Kanüle und Röhrchen hantiert, noch kein "echter Doktor" ist. Nicht zuzugeben braucht man allerdings, dass man im Blutabnehmen oder bei anderen Eingriffen ungeübt ist oder es gar zum ersten Mal macht. Das macht beide Seiten unnötig nervös.

Auch vor der ersten "eigenhändigen" Anamnese und körperlichen Untersuchung graut es so manchem. Wie bringt man Patienten zum Schweigen, die einem auf die Frage nach dem letzten Arztbesuch ihre gesamte Lebensgeschichte präsentieren? Und umgekehrt: Wie zieht man schweigsamen Kranken die nötigen Details aus der Nase? Tipps für gelungene Erstgespräche gibt es in Anamnesebüchern, die für den Anfang sinnvoller sind als riesige Schinken über Innere Medizin. Routine im Abklopfen und Abhorchen bekommt man auch, wenn man im Vorfeld an Freunden oder Verwandten übt. Übermäßige Angst vor dem "Erstkontakt" braucht niemand zu haben: Viele Patienten freuen sich, wenn die Studenten mehr Zeit für sie mitbringen als die Stationsärzte, und erzählen geduldig alles, was man wissen will.

Kompliziertes immer unter Aufsicht!

Oft ist dem Neuling nicht klar, was er tun soll und darf. Bei der Visite kommt ihm meist die ehrenvolle Aufgabe zu, Notizen über die Patienten und anstehende Arbeiten zu machen. Auch das venöse Blutabnehmen ist fest in studentischer Hand. Aufnahmegespräche und Erstuntersuchungen gehören zum täglichen Brot des Famulanten. Niemand wird ihn außerdem von Schreibtischarbeit abhalten, die viel Zeit im ärztlichen Alltag einnimmt. In operativen Fächern kommt das Hakenhalten im OP dazu. Welche Fähigkeiten der Jungspund sonst noch lernt, hängt stark vom betreuenden Arzt ab. Wenn der Schützling sich geschickt anstellt, darf er vielleicht Dinge tun, von denen mancher AiPler nur träumt. Doch Vorsicht! Heikel wird es, wenn ein Famulant Eingriffe wie Lumbalpunktionen oder das Legen eines Venenkatheters ohne Aufsicht vornimmt. Laut Bundesverwaltungsgericht arbeitet der Famulus unselbstständig unter der Aufsicht des Arztes, dem er zur Ausbildung zugewiesen ist. Bei allen Eingriffen, die über venöse Blutabnahme hinausgehen, kann man also auf die Anwesenheit eines Arztes bestehen. Denn auch die Erlaubnis des Chefarztes für eine komplizierte Maßnahme nützt einem nicht, wenn man sie alleine durchführt und dabei einen Fehler macht. Rechtlich kann das üble Konsequenzen haben. Wenn man sich etwas nicht sicher zutraut, sollte man deshalb auf Anleitung bestehen. Die Angst vor einer Blamage darf niemals dazu verleiten, Dinge zu tun, die man noch nicht beherrscht, und damit möglicherweise dem Patienten zu schaden!

Probleme ansprechen!

Was aber, wenn die erste Famulatur trotz aller Tipps ein Flop zu werden droht? Wenn sich die Ärzte nicht kümmern, die Schwestern sich terroristisch verhalten und das Blutabnehmen zum Fiasko wird? Wenn man sich chronisch unter- oder überfordert fühlt? "Zuerst sollte man ein offenes Gespräch mit dem Stationsarzt führen", rät Thomas Vorbach. Gleich beim Ober- oder Chefarzt anklopfen könne die Lage eher verschärfen. Wenn sich nach der Aussprache nichts ändert, kann man versuchen, innerhalb des gleichen Hauses die Station zu wechseln. Oder man beißt die Zähne zusammen und hält 15 Tage durch, damit die Zeit für das LPA zählt. Auch der Marburger Bund steht bei Problemen als Ansprechpartner bereit. Allerdings melden sich Famulanten wesentlich seltener als PJler, denn als letzte Alternative kann man die Famulatur jederzeit abbrechen. "Man sollte aber nichts unversucht lassen, um die Situation zu klären", empfiehlt Thomas Vorbach. "Oft bessert sich das Klima danach schlagartig."

Praktische Ausbildung in Eigenregie

Wer eine nette Station und aufgeschlossene Ärzte erwischt, kann jede Menge lernen. Die Famulatur ist übrigens etwas typisch Deutsches: In anderen Ländern ist die praktische Ausbildung in die Studienpläne integriert. Kurse am Krankenbett statt Vorlesungen im Frontalstil prägen den Stundenplan - oft vom ersten Semester an. In den USA verbringen Mediziner die letzten beiden Jahre der Medical School komplett im Krankenhaus - sozusagen als Dauerfamulanten. Bei der Bewerbung um eine Auslandsfamulatur sollte man deshalb kurz erklären, was eine Famulatur ist.

Ob auch hier zu Lande mehr praxisorientierte Ausbildung während des Semesters die Famulaturen ersetzen sollte, darüber kann man streiten: Einerseits hängt der Lerneffekt sehr davon ab, wo man famuliert, andererseits bietet die Famulatur deutschen Medizinstudenten bei völlig freier Fächer- und Länderwahl eine Freiheit, von der ihre ausländischen Kommilitonen nur träumen können. Deshalb meint Thomas Vorbach: "Die Famulatur ist das Sahnehäubchen auf dem Medizinstudium."

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