Interview: Dr. med. dent. Jochen Wegener mit Rolling Clinics auf den Philippinen

#1 von carlos , 09.06.2010 20:12

Zahnbehandlung mit Klappstuhl und Stirnlampe

Auch Zahnärzte sind in den Armenvierteln der Dritten Welt gefragt. Dr. med. dent. Jochen Wegener, niedergelassener Zahnarzt mit Praxis in Bonn, war mit den „Rolling Clinics" des Komitees „Ärzte für die Dritte Welt“ auf den südlichen Philippinen unterwegs.

Medicus: Dr. Wegener, was haben sie auf den auf Philippinen vorgefunden?

Dr. Wegener: Zuckerkonsum, mangelnde Zahnpflege und fehlendes Wissen über die Entstehung von Zahnerkrankungen und deren Vorbeugung begünstigen hier die Entstehung von Karies. Insbesondere haben Kinder häufig umfangreiche kariöse Befunde, sowohl an Milchzähnen, wie auch an bleibenden Zähnen.

Medicus: Wie sind Sie zu den Patienten gekommen?



Dr. Wegener: Mit den „Rolling Clinics“ besuchten wir regelmäßig die Armen in den Gebirgsregionen im Norden von Mindanao. Die Besatzung einer „Rolling Clinic" besteht aus mehreren Krankenschwestern, einem Fahrer für das geländegängige Fahrzeug und einem Zahnarzt. Wir fuhren von Dorf zu Dorf, was bei den schlechten Fahrwegen gar nicht so einfach war. Die Wege wurden vor Jahrzehnten von Holzfirmen für den Abtransport der gefällten tropischen Bäume angelegt. Die Brücken sind aus Baumstämmen gebaut und verrotten zunehmend. Seit die Wälder gerodet und Holzfirmen fort sind, verfallen die Wege, werden vom Tropenregen fortgeschwemmt oder aufgeweicht. Doch der mühsame Weg lohnte sich immer. Es gibt regelmäßig viel zu tun in den Bergdörfern. Die kinderreichen Familien leben in den engen Holzhütten. Viele Dörfer haben noch keinen Stromanschluss. Eine geregelte ärztliche und zahnärztliche Versorgung gibt es dort nicht.

Medicus: Wie sah Ihre Arbeit als Zahnarzt aus?

Dr. Wegener: Behandeln hieß hier vor allem Extraktion von Zähnen. Zahnerhaltende Behandlungen sind wegen der fehlenden technischen und materiellen Ausstattung nicht möglich. Alle Zähne, die Schmerzen bereiten, zerstört sind oder Entzündungen verursachen, werden gezogen. Viele Zähne könnten durch Kariesbehandlung und Füllungen erhalten werden. Einige Male habe ich jungen Mädchen kariöse Frontzähne extrahieren müssen. Ihr Aussehen ist damit für unser ästhetisches Empfinden entstellt, aber für andere Eingriffe fehlt dort die technische Ausstattung.



Medicus: Welche Ausstattung stand Ihnen als Zahnarzt zur Verfügung?

Dr. Wegener: Der Fahrer der Rolling Clinic ist auch der zahnärztliche Helfer, er übersetzt, erfragt die Beschwerden der Patienten und assistiert bei der Behandlung. Die zahnärztliche Ausstattung besteht aus einem großen Sortiment an Extraktionszangen und weiteren chirurgischen Instrumenten. Selbstverständlich wird unter Lokalanästhesie schmerzfrei behandelt. Gelagert werden die Patienten auf einem einfachen Klappstuhl, der eine Flachlagerung des Oberkörpers ermöglicht. Absaugung oder rotierende Instrumente stehen nicht zur Verfügung. Blutstillung erfolgt durch Drucktamponade mit Watterollen. Die Patienten spucken Blut und Speichel in einen Karton, der am Ende eines Behandlungstages verbrannt wird. Die Instrumente werden in Schalen desinfiziert und gereinigt, anschließend in einem Drucktopf auf einem Gaskocher sterilisiert. Da es häufig kein elektrisches Licht gab, mussten wir das Tageslicht ausnutzen und möglichst fertig sein, bevor es dunkel war. In der Dunkelheit war ansonsten eine Stirnlampe hilfreich.

Medicus: Hatten sie Unterstützung durch einheimische Zahnärzte?

Dr. Wegener: Einheimische Zahnärzte besuchen die Bergdörfer nicht, die Anfahrtwege sind sehr weit. Die örtlichen Behörden sind für die nachhaltige medizinische Betreuung der Bevölkerung in den abgelegenen Regionen sehr dankbar. Das Komitee Ärzte für die Dritte Welt bemüht sich seit einigen Jahren, ein zahnmedizinisches Vorbeugungsprogramm zu entwickeln. Kinder und Lehrer werden in den Schulen über Ernährung, Zahnerkrankungen und Mundhygiene aufgeklärt und es werden Zahnbürsten und Zahncremes zu günstigen Preisen verkauft.

Medicus: Sie waren bislang einmal im Einsatz. Würden Sie nochmal fahren?

Dr. Wegener: Natürlich gern, aber ich stehe mitten im Berufsleben. Ich habe für den Einsatz 2004 meine Praxis für sechs Wochen verlassen. Ohne die Unterstützung durch meine Partner in unserer Gemeinschaftspraxis ist so etwas betriebswirtschaftlich schwierig. Die Kosten laufen weiter und ich muss auf Mitarbeiter und Patienten Rücksicht nehmen. Ich kann mir aber gut vorstellen, mich in meinem Ruhestand stärker in humanitären Projekten zu engagieren. Ein solcher Einsatz hinterlässt ein gutes Gefühl, weil man wirklich konkret helfen kann und die Menschen ihre Dankbarkeit unvoreingenommen zum Ausdruck bringen. Aber man lernt auch selbst dazu und relativiert die eigenen Lebensumstände in Deutschland, uns geht es schon ziemlich gut hier!

Medicus: Sie waren mit „Ärzte für die Dritte Welt“ unterwegs. Welche anderen Organisationen bieten sich sonst noch an, vielleicht speziell für Zahnärzte?

Dr. Wegener: Es gibt einige zahnärztliche Projekte, oft klein und auf privater Basis. Die Organisation „Dentists without Limits" bietet sich als Dachorganisation an. „Interplast", eine humanitäre Organisation von plastischen Chirurgen, die vor allem wiederherstellend bei Kriegsopfern oder in der Spaltenchirurgie arbeiten, unterhalten eine Zahnstation in Nepal. Das Komitee „Ärzte für die Dritte Welt" betreibt eine zahnärztliche Station in Nicaragua.

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