Viele Menschen leben jahrelang in einer toxischen Beziehung, bevor in ihnen der Entschluss reift, sie zu beenden. Und selbst dann schaffen sie es häufig nicht auf Anhieb, sich von ihrer Partnerin oder ihrem Partner zu lösen. Das liegt auch an der speziellen Dynamik, die solchen Beziehungen meist innewohnt: Sobald sich der eine lösen möchte (oder tatsächlich erfolgreich getrennt hat), wird er vom anderen wieder mit Liebesbekundungen überhäuft.
Dafür gibt es sogar einen plakativen Begriff: Hoovering (von engl. to hoover = staubsaugen). Die Ex-Partnerin wird wieder in die Beziehung gesaugt, weil sie das Gefühl hat, der Andere kämpfe aufrichtig um sie. Sie schenkt seinen Beteuerungen, er werde sich ändern, Glauben. Doch häufig sind diese Liebesschwüre nichts als eine weitere Manipulationstechnik.
Auch entwickeln die Opfer in toxischen Partnerschaften häufig Selbstwert-Probleme. Sie fühlen sich nicht länger liebenswert. Das erschwert es ihnen zusätzlich, die Beziehung zu beenden: Wer will mich denn noch haben, wenn diese Partnerschaft in die Brüche geht?
Erkennen Sie typische Beziehungsmuster
Führen Sie sich das Grundmuster Ihrer Beziehung vor Augen, beispielsweise: Immer wenn Sie sich daraus befreien möchten, kommt entweder eine aggressive Reaktion („Ohne mich bist du nichts“, „Du wirst es ohne mich nicht schaffen“) oder – wenn das nicht fruchtet – eine Überhäufung mit Liebesbeweisen (Lovebombing). Wenn Sie dann in die Beziehung zurückkehren, werden Sie aber bald wieder genauso schlecht behandelt wie zuvor. „Revue passieren zu lassen, welche Muster immer wieder auftauchen, ist ein ganz wichtiger Erkenntnisschritt“, sagt Herzberg.
Durchschauen Sie manipulative Techniken
Wer die immer wiederkehrenden Abläufe in der Partnerschaft erkennt, dem gelingt es meist auch leichter, manipulative Taktiken in der Beziehung zu durchschauen. Die Einsicht, von der Partnerin oder vom Partner gezielt beeinflusst und gesteuert zu werden, müsse in den Betroffenen selbst wachsen, meint Herzberg: „Es hilft in der Regel wenig, wenn eine Freundin oder ein Freund sagt: ‚Vorsicht, dein Partner nutzt dich emotional aus.‘“
Ziehen Sie Bilanz und schauen Sie in die Zukunft
Schreiben Sie auf, wer von Ihnen wieviel in die Beziehung investiert: Zahlen Sie immer drauf? Oder bekommen Sie auch etwas zurück? Und wenn ja: Reicht Ihnen das?
Überlegen Sie sich, wie die Beziehung in drei Jahren aussehen wird: Wie wird sie sich entwickeln? Werden sich die Probleme von selbst lösen? Was kann ich tun, dass es besser wird? Wie realistisch ist, dass das hilft? In der systemischen Therapie nennt man diesen imaginativen Blick in die Zukunft auch „future pacing“.
Reden Sie darüber
Wer in einer toxischen Beziehung steckt, zweifelt oft am eigenen Urteilsvermögen. Es ist daher hilfreich, sich mit Freunden über die Partnerschaft auszutauschen. Durch ihr Feedback kann man das Verhalten der Partnerin oder des Partners besser einordnen. Man merkt so, dass man nicht einfach überempfindlich ist oder sich alles nur einbildet, sondern dass die Probleme real und schwerwiegend sind.
Erkennen Sie sich selbst
Wir alle tragen Verhaltensprogramme mit uns herum, die wir seit unserer Kindheit verinnerlicht haben. Sie steuern nicht nur, wie wir uns in Beziehungskonflikten verhalten, sondern sorgen auch dafür, dass wir uns immer wieder zum selben Partner-Typus hingezogen fühlen – vielleicht sogar gerade zu jenen Menschen, die uns ganz und gar nicht guttun. Um gegensteuern zu können, muss man diese unbewussten Programme zunächst einmal identifizieren.
Kritik am Konzept der toxischen Beziehung
Kritikerinnen und Kritiker stören sich vor allem daran, dass der plakative Begriff einen differenzierten Blick auf die Partnerschaft verstellen kann. „Im Zeitalter des Internets setzten sich heute Etiketten für bestimmte Phänomene sehr viel schneller durch als früher“, sagt der Persönlichkeitspsychologe Philipp Yorck Herzberg. „Der Begriff ‚toxisch‘ ist dafür ein Beispiel.“ Der Beziehung ein Label zu verpassen, sei aber nicht hilfreich: „Wichtig ist es, im Detail zu beschreiben, wo genau es hapert und was im Gegenteil auch gut läuft. Nur so kommt man zu einer differenzierten Stärken-Schwächen-Analyse, mit der man arbeiten kann.“
Wer eine Beziehung als toxisch bezeichnet, stempelt sie damit also ein Stück weit ab: Die Partnerschaft ist schädlich, Punkt. Was giftig ist, kann nie gesund werden. Tatsächlich können die Partner aber lernen, ihre Beziehung zu verbessern – konstruktiver zu kommunizieren, anders mit Konflikten umzugehen, sich in die Position des anderen zu versetzen. Das Etikett „toxisch“ blendet dieses Entwicklungspotenzial ein Stück weit aus. Solche festen Zuschreibungen können Konfliktlösungen verhindern, zeigt die Forschung. Diesen Effekt sollte man zumindest im Blick behalten, wenn man den Begriff verwendet.
Quellen
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