Nächtliche Geräusche im Dschungel

#1 von carlos , 27.04.2022 22:29

Hans Christoph Buch versammelt in seinem Buch "Nächtliche Geräusche im Dschungel" unterschiedlichste Texte.

"Das Thema wurde mir in die Wiege gelegt", schreibt Hans Christoph Buch im Vorwort. Schon wahr, Buchs Großmutter stammt aus Haiti, in seinem umfangreichen Romanwerk (keineswegs nur in seinen Haiti-Romanen) und in zahlreichen Essays hat er sich immer wieder mit Fragen des Postkolonialismus und kolonialer Geschichte beschäftigt, hat Merkmale und Ursprünge eines "strukturellen oder systemischen Rassismus" analysiert und nicht zufällig 1990 seine Frankfurter Poetik-Vorlesungen dem Thema "Die Nähe und die Ferne – Bausteine zu einer Poetik des kolonialen Blicks" gewidmet.

Buch, Jahrgang 1944, ist immer ein eminent politischer Autor gewesen, als Krisen- und Kriegsreporter berichtete er für große deutsche Tageszeitungen aus jener Hölle, die Joseph Conrad das "Herz der Finsternis" genannt hat: Ruanda, Liberia, Sudan, Sierra Leone, Nigeria, Kambodscha, Bosnien, Nicaragua, Paraguay und immer wieder Haiti. "Ich mutierte", so die um Understatement bemühte Formulierung im Vorwort seines neuen Buches, "vom Schriftsteller zum Kriegsreporter, eine Erfahrung, die nicht nur Kratzer, sondern Narben in der Seele hinterlässt".

"Nächtliche Geräusche im Dschungel" ist ein Kompendium des Disparaten, ein Mosaik aus Texten, die inhaltlich wie formal höchst unterschiedlich sind: klassische Reportage, oft bis in die Feinstruktur der Sprache hinein von journalistischer Routine, vielleicht auch von redaktionellen Vorgaben geprägt; Essay (etwa eine "Kurze Geschichte des Voodoo-Kults"), Rezension, Porträt, Polemik, Pamphlet und – die Bravourstücke des Bandes – jene gleichsam rhapsodischen Erzählungen, die das Faktische historischer Überlieferung aufweichen und Geschichte um eine Möglichkeitsdimension bereichern, die Historie also entgrenzen – in die pure Fiktion. In diesen Prosaminiaturen mutiert der Kriegsreporter Hans Christoph Buch wieder zum Schriftsteller – und das ist gut so, denn gerade hier zeigt er sich als grandioser Erzähler.

So imaginiert er in "Unverhofftes Wiedersehen" eine auf den 13. September 1857 datierte Begegnung zwischen dem großen Entdecker und Forschungsreisenden Alexander von Humboldt und dem französischen Naturforscher und Botaniker Aimé Bonpland, die nie stattgefunden hat, aber die beiden Heroen der Wissenschaftsgeschichte trefflich charakterisiert. Die 1747 erschienene Autobiographie des Seefahrers Hark Olufs nutzt Buch als Materialbasis für einen süffigen historischen Abenteuerroman in Miniaturform, in "Für Kaiser und Reich" lässt er einen Askari, einen Kolonialsoldaten, sein Leben erzählen – und spiegelt so die Kolonialgeschichte von Deutsch-Ostafrika mit Porträts von Paul von Lettow-Vorbeck und Carl Peters. Mit derartigen zwischen historischen Fakten und fiktiven Ergänzungen oszillierenden Erzählungen löst Buch das Korsett historischer Überlieferung auf – Geschichte ist für ihn eine Erfindung, zu der die Wirklichkeit die Materialien liefert.

"Nächtliche Geräusche im Dschungel" ist aber auch ein gewichtiger Beitrag zu aktuellen Diskussionen zur Kolonialgeschichte und, dies vor allem, eine wohlgezielte Attacke auf eine Political Correctness, die vor allem von Sprachregelungen und Geschichtsklitterungen geprägt ist. Das, was Buch etwas verallgemeinernd den "postkolonialen Diskurs" nennt, scheint nicht nur hierzulande zunehmend von Sprachpolizisten einer umtriebigen Woke-Bewegung sowie einer ideologisch verhärteten Cancel Culture vereinnahmt zu werden, die etwa die heutige Misere etlicher afrikanischer Staaten als Erblast der Kolonialzeit missversteht. Buch kontert, mit Blick auf die Unabhängigkeitsära in Afrika während der späten 1950er und frühen 1960er Jahre: "Die Anhänger der Woke-Bewegung bagatellisieren oder relativieren die schockierende Realität der Bürgerkriege und ethnischen Massaker."

Selbst der einzige wirtschaftliche Gigant des Kontinents, Südafrika, ist längst von dem befallen, was Hans Christoph Buch als "die Grundübel Afrikas" auf den Begriff bringt: "Stammesdenken, Korruption und Brutalität". Zwei Generationen nach der euphorisch gefeierten Unabhängigkeit ist der Prozess des Nation Building in den meisten afrikanischen Staaten noch nicht einmal in Ansätzen vollzogen, und von der in der Entwicklungszusammenarbeit viel beschworenen Good Governance ist wenig bis nichts zu sehen.


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zuletzt bearbeitet 27.04.2022 | Top

RE: Nächtliche Geräusche im Dschungel

#2 von carlos , 27.04.2022 22:29

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