Hilfe in Griechenland:Zähne ziehen im Flüchtlingscamp

#1 von carlos , 09.03.2018 19:14

Ohne einen weißen Kittel geht in dem Flüchtlingscamp nicht. Der Münsteraner Dr. Claus Westerberg wird dort nur als Arzt akzeptiert, wenn er einen Kittel an hat. Und in dem behandelt er Hunderte – und das kostenlos.

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Dr. Claus Westerberg denkt nur Sekundenbruchteile lang nach und muss dann schmunzeln. „Karma“, sagt er. Das bekomme er für seine Hilfe im griechischen Veria. Sonst gibt es nichts – schon gar kein Geld. Der Zahnarzt zahlt sein Flugticket nach Griechenland selbst, hat für einige Tausend Euro eine mobile Zahnbehandlungseinheit gekauft, freie Kost und Logis gibt es 70 Kilometer westlich von Thessaloniki auch nicht.

Dass der 41-jährige Münsteraner, dessen Praxis in Ibbenbüren ist, 2017 dennoch schon zwei Mal dort war – eine Woche zu Ostern und drei Tage in den Herbstferien –, hat mit 280 zumeist syrischen Flüchtlingen zu tun, die dort in einer früheren Militärliegenschaft leben. Westerberg kümmert sich um die Zähne der Menschen, darunter viele Kinder. Täte er dies nicht, gäbe es keine Versorgung, vom Krankenhaus einmal abgesehen, in dem zumindest ein Zahnnotfall behandelt werden könnte. Im Lager selbst gibt es nur zwei Sanitäter.

Zum Helfer wurde Westerberg über die Kölner „Refugees Foundation“, erzählt er. Er und seine Frau Tannaz, ebenfalls promovierte Zahnärztin, hatten vor zwei Jahren bereits den Verein Nimas gegründet, der sich die Flüchtlingshilfe zum Ziel setzt. Den Antrieb, in der Flüchtlingskrise zu helfen, hatte Westerberg also schon länger. Der Kontakt zur „Refugees Foundation“ kam über Facebook zustande, losgelöst von „Nimas“. Westerberg recherchierte ein wenig, kontaktierte einen Arzt, der schon zuvor dort war – und sagte schließlich zu.

Kurz vor der Reise im Frühjahr klaubte er ein paar Medikamente zusammen, Material für Füllungen und etwas Zahnarztbesteck. Eine Behandlungseinheit mit Bohrer und anderem fand sich vor Ort, allerdings eine ziemlich alte. Sie lief zudem heiß, deshalb die spätere Neuanschaffung. Einen Zahnarztstuhl gibt es im Lager nicht – für die Behandlungen muss eine Liege ausreichen. Und dann zog er Zähne, eine ungezählte Menge. Viele der Syrer hatten schon lange keinen Zahnarzt mehr gesehen, entsprechend war der Zustand der Gebisse. Wobei Westerberg betont, dass man den Zähnen ansehen konnte, dass die Menschen ursprünglich aus einem entwickelten Land stammen. Brücken, Füllungen, Kronen, alles war fachgerecht gemacht. Allerdings vor Jahren, vor dem Krieg.

Noch mehr Eindruck als die Zähne hinterließen die Lebensbedingungen vor Ort. Die alte Pionierkaserne, erzählt Westerberg, werde vom Militär geleitet. Nach seinem Eindruck ist es wenig, das getan wird. Viel direkte Hilfe vor Ort gibt es aber auf informeller Basis, jenseits des Tuns der großen Hilfsorganisationen. Der eine oder andere Container, etwa mit einem Kindergarten oder einer Schule, trage die Logos der Nichtregierungsorganisationen oder auch der EU. Doch dort passiere wenig. „Der Kindergarten ist verschlossen.“ Die Schule war es zu Ostern auch, jetzt im Herbst sei sie offen gewesen.

Zurück zu den Zähnen: Da wirkte sich die Mentalität der Bewohner aus. Der eine oder andere kam, Westerberg erklärte die Behandlung, und dann ging der Patient lieber weg. Schließlich taten die Zähne ja nicht weh. Noch nicht. Einige standen ein paar Tage später doch wieder vor dem Behandlungsraum. Doch da war Westerberg schon abgereist.

Die Kinder motivierte man mit der Methode „No dentist – no toy“. Nur Kinder, die sich von Westerberg untersuchen ließen, durften sich später ein Spielzeug im „Campladen“, der mit Hilfsgütern bestückt wird, aussuchen. Mit Erfolg: „Ich habe jedes Kind im Camp gesehen.“ Wichtig auch: Westerberg trägt im Camp einen Arztkittel. In Ibbenbüren würde er das nie tun, die langen Ärmel seien eine „Keimschleuder“. Er bevorzugt Poloshirts. Doch in Veria würde er ohne Kittel als Arzt nicht für voll genommen, sagte man ihm.

Ersten Erfolg sah er schon im Herbst. 80 Zähne habe er da nur noch gezogen, 70 Füllungen gemacht und zehn Parodontal-Behandlungen. Im Frühjahr will er wiederkommen, weiter Punkte sammeln. Fürs Karma.

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RE: Hilfe in Griechenland:Zähne ziehen im Flüchtlingscamp

#2 von carlos , 09.03.2018 19:14

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RE: Hilfe in Griechenland:Zähne ziehen im Flüchtlingscamp

#3 von carlos , 09.03.2018 19:14

Ohne einen weißen Kittel geht in dem Flüchtlingscamp nicht. Der Münsteraner Dr. Claus Westerberg wird dort nur als Arzt akzeptiert, wenn er einen Kittel an hat. Und in dem behandelt er Hunderte – und das kostenlos. Von Tobias Vieth
Die Hilfe vor Ort

Vieles an der Hilfe im Lager im griechischen Veria ist mittlerweile informell organisiert. Die Kölner „Refugees Foundation“ schickt regelmäßig Freiwillige mit Hilfsgütern dorthin. Vor Ort, erzählt Zahnarzt Dr. Claus Westerberg, gibt es eine inoffizielle Camp-Managerin der Organisation „Bridge 2“. „Sie ist das ganze Jahr dort, finanziert von einer privaten Sponsorin“, so Westerberg. Von der offiziellen Camp-Leitung, dem Militär, werde sie geduldet. Im Lager hat sie ein Kleidungsgeschäft und eines für Nahrungsmittel eingerichtet, erklärt der Münsteraner. Diese funktionieren auf Basis eines selbst erdachten Gutscheinsystems jenseits der Währung.

Mit dem zugewiesenen Geld in Form von Guthabenkarten, hat Westerberg erfahren, kommen die Menschen nämlich kaum über die Runden. Die griechischen Supermärkte sind teuer, und auf den Märkten werden die Guthabenkarten nicht akzeptiert.

Die Familien wohnen am Rand des griechischen Skigebiets nahe Thessaloniki in acht bis zehn Quadratmeter großen Räumen. -vie-

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