Expeditionen ins Praxisreich

#1 von carlos , 22.08.2010 11:01

- Mehr als 80 angehende Zahnärzte packten vergangenes Jahr die Koffer. Ein Praktikum in fernen Ländern stand auf dem Reiseplan. Aber wer die weite Welt entdecken will, sollte offen sein für Neues.


Übung macht den Meister: Tonganische Kinder lernen, wie man sich die Zähne richtig putzt.
Denn nicht nur Klima und Menschenschlag sind anders als zu Hause - auch die Arbeits- und Behandlungsmethoden unterscheiden sich von Land zu Land. Vor Ort erwartet die Gäste zwar ein harter Job - die Liebesmüh ist jedoch alles andere als vergeblich. Auslandserfahrungen erweitern den Horizont und runden das Studium ab.

Brasilien, USA oder lieber Litauen? Die Möglichkeiten, im Ausland zu arbeiten, sind für Studenten der Zahnmedizin heute fast unbegrenzt. Doch wer ein Praktikum in der Fremde machen will, braucht einen langen Atem: Ungefähr ein Jahr Vorbereitungszeit erfordert der Auslandstrip. Ganz am Anfang steht die Frage: Wo will ich überhaupt hin? Damit das "Abenteuer Ausland" nicht mit einer Bauchlandung endet, sollte sich jeder vorher genau überlegen, was er sich von dem Aufenthalt verspricht. Das kann die Zahnmedizinstudentin Kerstin Hertz von der Uni Freiburg nur bestätigen. Sie ging im zweiten klinischen Semester im Rahmen des europäischen Austauschprogramms Erasmus/Sokrates nach Helsinki. Anderthalb Jahre vorher hatte sie begonnen, sich gezielt zu informieren.

"Vorbereiten" heißt also das Zauberwort. Lektüre gibt es zuhauf: Praktikumsberichte ehemaliger "Outgoings" schildern auf sehr persönliche Weise das Leben und Arbeiten vor Ort und bringen auch negative Erfahrungen


Kein Grund zur Panik - die Zahnmedizinstudenten in der Kinderklinik von Minneapolis haben alles im Griff: Der kleine Patient lächelt doch noch sehr entspannt in die Kamera.

zur Sprache. Eine gute Infoquelle sind auch Veranstaltungen der Uni, auf denen einzelne Projekte und ihre Inhalte vorgestellt werden. Der erste Kontakt läuft ohnedies in aller Regel über die Hochschule: Angefangen von befreundeten Studenten, die die Reiselust mit Diashows erwecken, über Fakultät, Fachschaft und Akademisches Auslandsamt. Nicht zu vergessen: die "Leos", die Local Exchange Officers. Sie sind Teil der International Association of Dental Students, kurz IADS, der größten internationalen Vereinigung von Zahnmedizinstudenten, die sich um die Vermittlung von Auslandsaufenthalten kümmert. Die Leos geben Tipps in Sachen Planung und stellen den Kontakt zu IADS-Projekten in anderen Ländern her. In Deutschland sind sie vertreten durch die Mitarbeiter des Zahnmedizinischen Austauschdienstes (ZAD). Denn im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, in denen die Leos autonom arbeiten, hat hier der ZAD die "Schirmherrschaft" für den studentischen Austausch übernommen. Der Verein, der zusammen mit dem Freien Verband Deutscher Zahnärzte (FVDZ) in Bonn sitzt, versteht sich als direkte Schnittstelle für die weltweite Begegnung junger Zahnmediziner. Neben den IADS-Kontakten existieren aber auch Partnerschaften zwischen einzelnen Unis oder einzelnen Fakultäten.

Dass es ferner noch ganz andere Wege ins Ausland gibt, bewies Hertz: Auch für Zahnmedizinstudenten besteht die Möglichkeit - wenn auch eingeschränkt - an Förderprogrammen der EU, wie Sokrates und Erasmus, teilzunehmen.

Richtige Einzelkämpfer können natürlich auch selber Kliniken und Krankenhäuser anschreiben - unabhängig von bestehenden Vereinbarungen. "Der Vorteil an Partneruniversitäten ist aber, dass die dort geleistete Arbeit eher anerkannt wird als wenn man etwas auf eigene Faust unternimmt", erzählt Hertz.


Winter im amerikanischen Minneapolis: Bei minus 30 Grad und meterhohem Schnee konnte sich die Austauschstudentin Christine Wenzler das Rad fahren schnell abschminken.

Denn während beispielsweise beim IADS die teilnehmenden Einrichtungen länderübergreifende Absprachen hinsichtlich der Anerkennung von Leistungen und Famulaturstunden getroffen haben, müssen Studenten, die sich auf eigene Initiative bewerben, alles selbst abklären.

Austausch oder Famulatur - wo liegt überhaupt der Unterschied? Die Länge macht's!, weiß der IADS-Vorsitzende Taskin Tuna. Der IADS betreut ein so genanntes Austauschprogramm: Üblicherweise gehen die Studenten bis zu vier Wochen ins Ausland. Genug Zeit, um an der Hochschule dort die Vorlesungen zu besuchen und an der Unizahnklinik die verschiedenen Abteilungen zu durchlaufen. Allerdings besteht die Gefahr, dass man bei vielen Behandlungen nur zugucken darf. In Europa bleiben die Austauschstudenten bei komplizierteren Eingriffen oft außen vor, bestätigt Tuna. Nur in den osteuropäischen Ländern sei das anders - dort sei die Verständigung wiederum schwierig.

Eine Famulatur dauert hingegen drei bis sechs Monate. Tuna rät allen, die länger im Ausland bleiben wollen, sich in Hilfsprojekten zu engagieren: Gerade bei Hilfsinitiativen jenseits von Europa und den USA biete sich die Chance, viel Arbeitserfahrung zu sammeln: Hier zählt jeder Mann. Alles in allem bewerben sich die Famulanten von vornherein eher bei Hilfsprojekten, weil sie dort länger arbeiten können. Die kürzeren Programme für die Praktikanten und Austauschstudenten sehen hingegen vor, dass die Gäste direkt von den Unis und ihren Zahnkliniken betreut werden.

Insgesamt seien die Programme quer über den ganzen Globus verstreut, erzählt Tuna. Von Dänemark, Griechenland, über Nigeria bis hin zu Mexiko reicht das Spektrum möglicher Reiseziele. Jüngst seien auch Länder Osteuropas, wie Bosnien-Herzegowina und Kroatien, neu eingestiegen.

Im Unterschied zu den Humanmedizinern ist eine Famulatur für Zahnärzte nicht vorgeschrieben - der Abstecher ins Ausland fußt auf einer rein freiwilligen Entscheidung. Einzige Voraussetzungen: Der Student muss das zweite klinische Semester abgeschlossen haben und gute Englisch- beziehungsweise Kenntnisse der jeweiligen Sprache des Gastlandes vorweisen.


Andere Länder, andere Sitten
Ein Praktikum in der Südsee unterscheidet sich von dem in Thailand. Bei den Flying Doctors im australischen Outback macht man andere Erfahrungen als der Kommilitone in Jerusalem - nicht nur,


Kurze Pause im Medical Health Center auf Tonga: Die angehenden Zahnärzte geben keinen Synchronkurs zur korrekten Handhabung der Zahnbürste - sie üben einen tonganischen Tanz.

was das Klima anbelangt. Die Menschen ticken anders, Arbeitsbedingungen und Behandlungsmethoden sind verschieden.

Beispiel Südseeparadies Tonga: Hier schaut keiner auf die Uhr. Statt "pünktlich auf die Minute" zu erscheinen, nimmt man es mit Terminen nicht so genau. Diese Erfahrung haben auch Saskia Karg und Meike Rahmsdorf, zwei Zahnmedizinstudentinnen von der Uni Greifswald, gemacht. "Der Klinikalltag fing um 8.30 Uhr an. Nachdem wir allerdings zwei Mal pünktlich waren und vor verschlossenen Türen standen, gewöhnten wir uns die ‚Tonga-Time' an - das heißt, wir rechneten auf alle ausgemachten Zeiten mindestens 30 bis 60 Minuten dazu - und waren immer noch pünktlich!"

Dennoch war das Praktikum nicht mit dem Traumurlaub vergleichbar. Eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und die fortschreitende Umweltzerstörung durch Industrieanlagen belasten die insgesamt 170 Inseln. Außerdem ist die medizinische Versorgung unzureichend. Zahnärzte behandeln in erster Linie echte Notfälle: Viele Patienten kommen erst dann, wenn sie bereits unter unerträglichen Schmerzen leiden. Brücken, Kronen oder Implantate sind nur selten in Mündern zu finden, da im Land entsprechende Möglichkeiten zur Herstellung fehlen - als letztes Mittel bleibt gewöhnlich nur die Extraktionszange.


Anfang 1951 gründeten Zahnmedizinstudenten die International Association of Dental Students (IADS). Ziel war es, eine Plattform für den studentischen Austausch zu schaffen und zugleich eine Verbindung zu den großen Organisationen wie der Fédération Dentaire Internationale (FDI) und der World Health Organization (WHO) herzustellen. Der IADS ist mit 34 Mitgliedern in und außerhalb Europas die größte international tätige Studentenorganisation. Er unterhält an den Unis aller Mitgliedsstaaten Local Exchange Officers (Leos), die den Studenten bei der Planung des Auslandsaufenthaltes helfen. Auf nationaler Ebene betreuen die National Exchange Officers (Neos) den Austausch. Das ganze Programm wird vom Executive Committee koordiniert, dem der International Exchange Officer vorsteht. Jedes Jahr lädt der IADS zum World Congress ein - das 51. Treffen findet 2004 vom 9. bis 15. August in Berlin statt. Um sich noch stärker für den zahnmedizinischen Nachwuchs einzusetzen, hat die Bundeszahnärztekammer die Schirmherrschaft des IADS-Kongresses übernommen. Infos stehen in den zm 4/2004, S.36 und auf www.iads-web.org und www.iads-congress.de.

"Unsere Hochachtung gilt den einheimischen Zahnärzten, die jeden Tag mit dem Minimum an Materialien auskommen müssen und trotzdem immer gute Laune haben," heben Karg und Rahmsdorf hervor.

Ganz anders sieht der Praxisalltag im US-amerikanischen Minneapolis aus: Bei minus 30 Grad Celsius fahren Zahnärzte und Studenten im Winter über Land und leisten erste Hilfe. Die Mobile Dental Unit, eines der Programme, besteht aus einem riesigen Karavan, ausgerüstet mit drei hochmodernen Einheiten. Christine Wenzler, ebenfalls Zahnmedizinstudentin aus Greifwald, war mit an Bord: "Ziel ist es vor allem, die Kinder frühzeitig zu erfassen und über Hygiene und gesunde Ernährung aufzuklären, denn eins der größten Probleme ist Coca-Cola! Abgesehen davon können auch Füllungen, Emergency-Endo und einfache Extraktionen vorgenommen werden - es ist wirklich erstaunlich, was man alles auf engstem Raum erledigen kann." Aber auch die Kliniken sind gut ausgestattet, berichtet Wenzler: In der Klinik in Hibbing, einer ehemaligen Minenstadt nahe der kanadischen Grenze, läuft alles über den PC.


Sprung ins kalte Wasser
Was die Behandlung betrifft: "Learning by doing" lautet die Devise. Und zu tun gibt es viel: Das Land ist weitläufig, Zahnärzte sind knapp. Viele Behandlungen, wie etwa chirurgische Extraktionen oder Kronenpräparationen, führen die Studenten hier zum ersten Mal eigenständig durch. Angst vor kritischen Situationen muss dennoch niemand haben: Den Youngsters stehen erfahrene Zahnärzte zur Seite. Vier bis sechs Patienten pro Tag schreibt der Terminkalender vor. Die Fälle reichen, so Wenzler, "vom ersten Zahnarztbesuch eines Dreijährigen bis zur Prothese für die achtzigjährige Oma".

Anders als in Deutschland wird für jeden Patienten ein umfassender Behandlungsplan erstellt: In einer zweieinhalbstündigen Untersuchung wertet der Behandler jeden Zahn einzeln aus. Ein weiterer Pluspunkt: Während ihrer Zeit in Übersee können die Studenten die Ausbildungsstätten innerhalb des Bundesstaates Minnesota wechseln und verschiedene zahnmedizinische Einrichtungen kennen lernen.

Anderer Kontinent, andere Verhältnisse: In Marangu, einem kleinen afrikanischen Dorf am Fuße des Kilimanjaro, stößt man bei der Behandlung schnell an seine Grenzen. Das technische Equipment fehlt an allen Ecken und Enden. Endodontische Therapien können gar nicht durchgeführt werden, weil es am Röntgengerät hapert. Außerdem leidet ein Großteil der Bevölkerung an Fluorose, Grad III bis IV - der Fluoridgehalt im Wasser ist so hoch, dass es neben starken Zahnschädigungen sogar zu Knochenverformungen kommt. Erstaunlicherweise erfreuen sich die meisten Patienten einer guten Mundgesundheit, obwohl die Zahnpflege dort traditionell noch mit Kohle und Zahnstöckchen betrieben wird. Dennoch machen Prophylaxeschulungen einen Großteil der Arbeit in der Zahnstation aus, denn die Mundgesundheit soll noch weiter verbessert werden.


Kein Job für Zimperliche
Papphütten ohne fließend Wasser, geschweige denn Stromleitungen - das ist der Einsatzort des Zahnärztlichen Hilfsprojekts Brasilien (ZHB), initiiert von der Bayerischen Landeszahnärztekammer. Im trostlosen Hinterland Recifes betreut das Team mehrere Schulen und errichtet Zahnstationen in den Slums. Das Leben in den Elendsvierteln wird von einem Teufelskreis aus Armut, Drogen, Analphabetismus und Prostitution beherrscht. Bei drückender Hitze und unter miserablen hygienischen Verhältnissen versuchen Zahnärzte vor allem die Kinder prophylaktisch zu versorgen. Gebisse in desolatem Zustand, Abszedierungen und Zahnlosigkeit treten selbst bei den Jüngsten häufig auf. Mitunter fehlt das Material, die meisten Instrumente sind hoffnungslos veraltet. Improvisieren ist angesagt: Wenn der Amalgamrüttler defekt ist, dann werden eben Handkneter und Spritze zum wichtigsten Utensil.

Bei den Hilfsprojekten sind die Ressourcen immer knapp - behandelt werden nur die schlimmsten Fälle, oft nur mit einfachsten Standardtherapien. In den Unikliniken, die über ihre Hochschule an den Austauschprogrammen partizipieren, können die Zahnärzte dagegen in der Regel auf modernes Arbeitsgerät zurückgreifen und dadurch auch neueste Methoden anwenden. Doch selbst in Häusern, die auf dem aktuellen Stand der Technik sind, kommt das fortschrittliche Inventar nicht immer allen zugute. In den USA etwa sind viele Patienten nicht krankenversichert. Adäquate Behandlungen kämen deshalb zu teuer - die Extraktion ist auch hier der einzige Ausweg.

Während die Kräfte in den Hilfsprojekten je nach Bedarf eingesetzt werden, ist der Uniaustausch klar strukturiert. Das gilt auch für Helsinki: Dem Praktikum ist ein zweiwöchiger Fantomkurs vorgeschaltet, in dem die finnischen Behandlungsmethoden und -instrumente vorgestellt werden. Danach nehmen die Studenten ihre Arbeit in der angeschlossenen Zahnklinik auf. Dieses duale System hat den Vorteil, dass die ausländischen Studenten Zeit haben, sich einzugewöhnen und sich mit Weggefährten auszutauschen. Zugleich werden sie auf ihre künftigen Aufgaben vorbereitet. Füllungen, Parodontologie, Kinderbehandlungen, Extraktionen und kieferorthopädische Behandlungen stehen auf dem Stundenplan. "Sämtliche Klinikrituale, wie das Reinigen der Boxen, das Computerprogramm und die Verwaltungsarbeit, wurden uns in den Einführungsveranstaltungen vorgestellt und erklärt", bescheinigt auch Hertz. Die Kurse werden in Englisch abgehalten. Sobald die Kommunikation mit den Patienten hakt, übersetzt die Kursschwester. Das kam Herz sehr entgegen. Sie entschied sich nämlich für Helsinki, weil sie dort keine sprachlichen Barrieren fürchten musste: Fast alle Finnen sprechen sehr gut Englisch.


Ein bisschen Spaß muss sein
Das Arbeitspensum variiert. Aber nicht nur das Quantum sorgt für Stress. Ungewohnte Abläufe und Verfahren, neue Kollegen und ein anderer Rhythmus zehren genauso an den Kräften. Hinzu kommt, dass die gesamte Kommunikation in einer Fremdsprache abläuft.

Wer so viel schafft, hat sich den Ausgleich redlich verdient. Zum Glück legen die Unis zumeist großen Wert auf die Betreuung ihrer ausländischen Studenten. Angefangen vom "Abholservice" am Flughafen, über reservierte Unterkünfte bis hin zu festen Ansprechpartnern wird der Aufenthalt schon im Vorfeld vorbildlich organisiert. Dasselbe gilt auch für das Freizeitangebot. Viele Fakultäten planen Touren und Ausflüge zu den Sehenswürdigkeiten der Umgebung - alles gute Gelegenheiten, um Land und Leute kennen zu lernen. Oft nehmen die einheimischen Studenten die Gastkommilitonen unter ihre Fittiche.

In Helsinki organisierte das Erasmus-Netzwerk Stadtrallyes und Tagestrips nach Tallin und Stockholm. Tutoren begleiteten die Neuankömmlinge zum Einwohnermeldeamt, zeigten ihnen die angesagten Treffpunkte, wie Cafés, Theater, Diskos, und zogen mit ihnen um die Häuser. Obendrein sind die Studienkollegen eine unersetzliche Hilfe, wenn das anfängliche Chaos einmal überhand nimmt.

Durch sie erhält man ferner einen sehr viel intimeren Einblick ins alltägliche Miteinander: Wer zum Beispiel eine Einladung zum Wochenendbesuch im Kreise der Eltern und Geschwister erhält, erlebt Familienleben eventuell einmal ganz anders.

Freilich dient das Sightseeing nicht nur der eigenen Erholung. Darüber hinaus ist es für die angehenden Zahnärzte ein absolutes Muss, über die Lebensumstände der Patienten im Bilde zu sein. Denn zweifellos setzt eine erfolgreiche Behandlung die genaue Kenntnis der landestypischen Gegebenheiten voraus.

In Tonga etwa bekommen junge Mädchen zum Geburtstag Goldinlays, die die Frontzähne verzieren sollen. Vielfach werden dabei intakte Vestibulärflächen angebohrt, um Retentionsflächen zu schaffen. Leider sind die Inlays nur begrenzt haltbar, sodass viele Schneidezähne schon in jungen Jahren total zerstört sind. In Gambia geht das Patientenaufkommen


Die Mobile Dental Unit in Aktion - erstaunlich, was in den Bus inklusive Zahnarzthelferinnen alles hineinpasst.


im September stark zurück. Für die Zahnärzte ist das aber kein Grund zur Sorge: Zu diesem Zeitpunkt beginnt nämlich die Reisernte, und die Bauern können es sich selbst bei Zahnschmerzen nicht leisten, ihre Felder zu verlassen.

Ein Blick nach Südafrika zeigt wiederum, dass das Land die Folgen des Apartheidsregimes noch nicht verwunden hat: Viele Farbige sind verarmt und können sich keine aufwändigen Behandlungen erlauben. Wie in den USA ist die Anzahl HIV- und Hepatitis-Infizierter alarmierend hoch - in vielen Kliniken wird nur mit speziellem Schutz für Gesicht und Hände gearbeitet.


Im Koffer das Moskitonetz
Mit dem Reiseziel ändert sich auch das Gepäck. Studenten auf dem Weg nach Tonga sollten zum Beispiel ein Moskitonetz einpacken, mahnen Karg und Rahmsdorf. Außerdem: "Wasserratten dürfen die Badeschlappen nicht vergessen - Tonga besteht aus Korallengestein!"

Aber egal, wohin die Reise geht: Nicht fehlen dürfen Desinfektionsmittel und eine eigene Reiseapotheke. Reiseführer geben praktische Tipps zur Reisevorbereitung, der ZAD gibt überdies Auskunft über die notwendigen Utensilien, die die künftigen Weltenbummler unbedingt dabei haben sollten. Dazu gehört auch der Impfpass. Bei Reisen nach Asien, Südamerika und Afrika müssen die Studenten weit im Voraus klären, welcher Impfschutz sinnvoll ist. In Brasilien sind zum Beispiel gleich mehrere Prophylaxeimpfungen erforderlich: gegen Malaria, Cholera, gegebenenfalls gegen Hepatitis A und B, Tollwut und Meningokokken.

Viele Länder verlangen zudem ein Visum, das bei den Zahnärzten häufig an eine amtsärztliche Untersuchung und bestimmte Impfungen gekoppelt ist.

Wer bei einem Hilfsprojekt arbeiten will, sollte vor Reiseantritt nachfragen, welche Medikamente, Materialien und Instrumente vor Ort benötigt werden: Spenden sind immer sehr gefragt. Damit nicht unerwartet Ebbe in der Kasse herrscht, sollte man sich vorher bei den Fluggesellschaften erkundigen, wie viel Kilogramm Gepäck kostenlos befördert werden. Überschüssiges Gewicht kann einen teuer zu stehen kommen!

In den Geldbeutel reißt die Fahrt sowieso ein großes Loch: Mehr als Aufwandsentschädigungen werden erfahrungsgemäß nicht gezahlt. Der DAAD gewährt bei Aufenthalten über 60 Tage allerdings einen Reisekostenzuschuss, der über den ZAD beantragt werden kann. Zum Teil sind Unterkunft und Logis frei. Alle Freizeitvergnügungen zahlen die Abenteurer jedoch in jedem Fall aus eigener Tasche. Zusätzlich belasten Versicherungs- und Impfkosten das Konto.


Über den Tellerrand blicken
Im Vorfeld müssen die Globetrotter eine Menge vorbereiten. Bleibt die Frage, ob sich der ganze Aufwand lohnt: Im Grunde sollte wohl ein Praktikum daheim genügen, um sich für die Praxis fit zu machen - das Studium vermittelt schließlich auch viel Stoff. Aber der Schluss trügt. "Ich kann nur jedem ans Herz legen, ein Auslandssemester zu machen", schwärmt Wenzler. "Meine Zeit in Minneapolis ist viel zu schnell vergangen!" Sie hat "live" erfahren, dass die USA mit Verfahren und Methoden arbeiten, die hier zu Lande unüblich sind. Gerade der Blick über den Tellerrand schärft das Bewusstsein: Die Studenten werden Forschung und Praxis gegenüber kritikfähiger. Im Ausland müssen viele Praktikanten eigenverantwortlich arbeiten und wichtige Entscheidungen selbst treffen. Solche Erfahrungen fördern die Selbstständigkeit und stärken Selbstbewusstsein und Persönlichkeit. "In Tonga Zahnmedizin zu erleben war eine tolle Erfahrung!" kommt unisono von Karg und Rahmsdorf. Wer in einem fremden Land gelebt hat, lernt nicht nur die Sprache, sondern erlebt eine neue Kultur und Lebensweise. Das erweitert den eigenen Horizont. Hertz stimmt zu: "Wenn ich gewusst hätte, wie schön und angenehm es hier ist, wäre ich länger geblieben. Ich würde nach diesem Aufenthalt sogar in Betracht ziehen, in Finnland zu arbeiten."

Last but not least: Ein Auslandsaufenthalt bringt Pluspunkte bei der Bewerbung.

Zahnmedizinischer Austauschdienst (ZAD) e.V., Mallwitzstr. 16, 53177 Bonn,
Tel.: , Fax.: -34 06 71
E-Mail: cc@fvdz.de, www.zad-online.com
www.daad.de: Deutscher Akademischer Auslandsdienst
International Association of Dental
Students, c/o FDI World Dental Federation,
13, chemin du Levant l'Avant Centre
F-01210 Ferney-Voltaire, Frankreich.
Tel.: +33 4 50 40 -50 50, Fax: -55 55
www.arbeitsamt.de/zav/jobs: Bundesanstalt für Arbeit: Jobs, Praktika im Ausland
www.dental.uni-greifswald.de/ausland, www.uni-wh.de: Beide Unis haben auf Ihren Seiten viele Famulatur- und Austauschberichte
www.uni-greifswald.de/~aaa/stud_aus/stud_aus.htm: Gute Tipps für den Trip
www.dtg.mwn.de: Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin
und Internationale Gesundheit e.V. Expeditionen ins Praxisreich
Claudia Kluckhuhn
1. März 2004 - Mehr als 80 angehende Zahnärzte packten vergangenes Jahr die Koffer. Ein Praktikum in fernen Ländern stand auf dem Reiseplan. Aber wer die weite Welt entdecken will, sollte offen sein für Neues.


Übung macht den Meister: Tonganische Kinder lernen, wie man sich die Zähne richtig putzt.
Denn nicht nur Klima und Menschenschlag sind anders als zu Hause - auch die Arbeits- und Behandlungsmethoden unterscheiden sich von Land zu Land. Vor Ort erwartet die Gäste zwar ein harter Job - die Liebesmüh ist jedoch alles andere als vergeblich. Auslandserfahrungen erweitern den Horizont und runden das Studium ab.

Brasilien, USA oder lieber Litauen? Die Möglichkeiten, im Ausland zu arbeiten, sind für Studenten der Zahnmedizin heute fast unbegrenzt. Doch wer ein Praktikum in der Fremde machen will, braucht einen langen Atem: Ungefähr ein Jahr Vorbereitungszeit erfordert der Auslandstrip. Ganz am Anfang steht die Frage: Wo will ich überhaupt hin? Damit das "Abenteuer Ausland" nicht mit einer Bauchlandung endet, sollte sich jeder vorher genau überlegen, was er sich von dem Aufenthalt verspricht. Das kann die Zahnmedizinstudentin Kerstin Hertz von der Uni Freiburg nur bestätigen. Sie ging im zweiten klinischen Semester im Rahmen des europäischen Austauschprogramms Erasmus/Sokrates nach Helsinki. Anderthalb Jahre vorher hatte sie begonnen, sich gezielt zu informieren.

"Vorbereiten" heißt also das Zauberwort. Lektüre gibt es zuhauf: Praktikumsberichte ehemaliger "Outgoings" schildern auf sehr persönliche Weise das Leben und Arbeiten vor Ort und bringen auch negative Erfahrungen


Kein Grund zur Panik - die Zahnmedizinstudenten in der Kinderklinik von Minneapolis haben alles im Griff: Der kleine Patient lächelt doch noch sehr entspannt in die Kamera.

zur Sprache. Eine gute Infoquelle sind auch Veranstaltungen der Uni, auf denen einzelne Projekte und ihre Inhalte vorgestellt werden. Der erste Kontakt läuft ohnedies in aller Regel über die Hochschule: Angefangen von befreundeten Studenten, die die Reiselust mit Diashows erwecken, über Fakultät, Fachschaft und Akademisches Auslandsamt. Nicht zu vergessen: die "Leos", die Local Exchange Officers. Sie sind Teil der International Association of Dental Students, kurz IADS, der größten internationalen Vereinigung von Zahnmedizinstudenten, die sich um die Vermittlung von Auslandsaufenthalten kümmert. Die Leos geben Tipps in Sachen Planung und stellen den Kontakt zu IADS-Projekten in anderen Ländern her. In Deutschland sind sie vertreten durch die Mitarbeiter des Zahnmedizinischen Austauschdienstes (ZAD). Denn im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, in denen die Leos autonom arbeiten, hat hier der ZAD die "Schirmherrschaft" für den studentischen Austausch übernommen. Der Verein, der zusammen mit dem Freien Verband Deutscher Zahnärzte (FVDZ) in Bonn sitzt, versteht sich als direkte Schnittstelle für die weltweite Begegnung junger Zahnmediziner. Neben den IADS-Kontakten existieren aber auch Partnerschaften zwischen einzelnen Unis oder einzelnen Fakultäten.

Dass es ferner noch ganz andere Wege ins Ausland gibt, bewies Hertz: Auch für Zahnmedizinstudenten besteht die Möglichkeit - wenn auch eingeschränkt - an Förderprogrammen der EU, wie Sokrates und Erasmus, teilzunehmen.

Richtige Einzelkämpfer können natürlich auch selber Kliniken und Krankenhäuser anschreiben - unabhängig von bestehenden Vereinbarungen. "Der Vorteil an Partneruniversitäten ist aber, dass die dort geleistete Arbeit eher anerkannt wird als wenn man etwas auf eigene Faust unternimmt", erzählt Hertz.


Winter im amerikanischen Minneapolis: Bei minus 30 Grad und meterhohem Schnee konnte sich die Austauschstudentin Christine Wenzler das Rad fahren schnell abschminken.

Denn während beispielsweise beim IADS die teilnehmenden Einrichtungen länderübergreifende Absprachen hinsichtlich der Anerkennung von Leistungen und Famulaturstunden getroffen haben, müssen Studenten, die sich auf eigene Initiative bewerben, alles selbst abklären.

Austausch oder Famulatur - wo liegt überhaupt der Unterschied? Die Länge macht's!, weiß der IADS-Vorsitzende Taskin Tuna. Der IADS betreut ein so genanntes Austauschprogramm: Üblicherweise gehen die Studenten bis zu vier Wochen ins Ausland. Genug Zeit, um an der Hochschule dort die Vorlesungen zu besuchen und an der Unizahnklinik die verschiedenen Abteilungen zu durchlaufen. Allerdings besteht die Gefahr, dass man bei vielen Behandlungen nur zugucken darf. In Europa bleiben die Austauschstudenten bei komplizierteren Eingriffen oft außen vor, bestätigt Tuna. Nur in den osteuropäischen Ländern sei das anders - dort sei die Verständigung wiederum schwierig.

Eine Famulatur dauert hingegen drei bis sechs Monate. Tuna rät allen, die länger im Ausland bleiben wollen, sich in Hilfsprojekten zu engagieren: Gerade bei Hilfsinitiativen jenseits von Europa und den USA biete sich die Chance, viel Arbeitserfahrung zu sammeln: Hier zählt jeder Mann. Alles in allem bewerben sich die Famulanten von vornherein eher bei Hilfsprojekten, weil sie dort länger arbeiten können. Die kürzeren Programme für die Praktikanten und Austauschstudenten sehen hingegen vor, dass die Gäste direkt von den Unis und ihren Zahnkliniken betreut werden.

Insgesamt seien die Programme quer über den ganzen Globus verstreut, erzählt Tuna. Von Dänemark, Griechenland, über Nigeria bis hin zu Mexiko reicht das Spektrum möglicher Reiseziele. Jüngst seien auch Länder Osteuropas, wie Bosnien-Herzegowina und Kroatien, neu eingestiegen.

Im Unterschied zu den Humanmedizinern ist eine Famulatur für Zahnärzte nicht vorgeschrieben - der Abstecher ins Ausland fußt auf einer rein freiwilligen Entscheidung. Einzige Voraussetzungen: Der Student muss das zweite klinische Semester abgeschlossen haben und gute Englisch- beziehungsweise Kenntnisse der jeweiligen Sprache des Gastlandes vorweisen.


Andere Länder, andere Sitten
Ein Praktikum in der Südsee unterscheidet sich von dem in Thailand. Bei den Flying Doctors im australischen Outback macht man andere Erfahrungen als der Kommilitone in Jerusalem - nicht nur,


Kurze Pause im Medical Health Center auf Tonga: Die angehenden Zahnärzte geben keinen Synchronkurs zur korrekten Handhabung der Zahnbürste - sie üben einen tonganischen Tanz.

was das Klima anbelangt. Die Menschen ticken anders, Arbeitsbedingungen und Behandlungsmethoden sind verschieden.

Beispiel Südseeparadies Tonga: Hier schaut keiner auf die Uhr. Statt "pünktlich auf die Minute" zu erscheinen, nimmt man es mit Terminen nicht so genau. Diese Erfahrung haben auch Saskia Karg und Meike Rahmsdorf, zwei Zahnmedizinstudentinnen von der Uni Greifswald, gemacht. "Der Klinikalltag fing um 8.30 Uhr an. Nachdem wir allerdings zwei Mal pünktlich waren und vor verschlossenen Türen standen, gewöhnten wir uns die ‚Tonga-Time' an - das heißt, wir rechneten auf alle ausgemachten Zeiten mindestens 30 bis 60 Minuten dazu - und waren immer noch pünktlich!"

Dennoch war das Praktikum nicht mit dem Traumurlaub vergleichbar. Eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und die fortschreitende Umweltzerstörung durch Industrieanlagen belasten die insgesamt 170 Inseln. Außerdem ist die medizinische Versorgung unzureichend. Zahnärzte behandeln in erster Linie echte Notfälle: Viele Patienten kommen erst dann, wenn sie bereits unter unerträglichen Schmerzen leiden. Brücken, Kronen oder Implantate sind nur selten in Mündern zu finden, da im Land entsprechende Möglichkeiten zur Herstellung fehlen - als letztes Mittel bleibt gewöhnlich nur die Extraktionszange.


Anfang 1951 gründeten Zahnmedizinstudenten die International Association of Dental Students (IADS). Ziel war es, eine Plattform für den studentischen Austausch zu schaffen und zugleich eine Verbindung zu den großen Organisationen wie der Fédération Dentaire Internationale (FDI) und der World Health Organization (WHO) herzustellen. Der IADS ist mit 34 Mitgliedern in und außerhalb Europas die größte international tätige Studentenorganisation. Er unterhält an den Unis aller Mitgliedsstaaten Local Exchange Officers (Leos), die den Studenten bei der Planung des Auslandsaufenthaltes helfen. Auf nationaler Ebene betreuen die National Exchange Officers (Neos) den Austausch. Das ganze Programm wird vom Executive Committee koordiniert, dem der International Exchange Officer vorsteht. Jedes Jahr lädt der IADS zum World Congress ein - das 51. Treffen findet 2004 vom 9. bis 15. August in Berlin statt. Um sich noch stärker für den zahnmedizinischen Nachwuchs einzusetzen, hat die Bundeszahnärztekammer die Schirmherrschaft des IADS-Kongresses übernommen. Infos stehen in den zm 4/2004, S.36 und auf www.iads-web.org und www.iads-congress.de.

"Unsere Hochachtung gilt den einheimischen Zahnärzten, die jeden Tag mit dem Minimum an Materialien auskommen müssen und trotzdem immer gute Laune haben," heben Karg und Rahmsdorf hervor.

Ganz anders sieht der Praxisalltag im US-amerikanischen Minneapolis aus: Bei minus 30 Grad Celsius fahren Zahnärzte und Studenten im Winter über Land und leisten erste Hilfe. Die Mobile Dental Unit, eines der Programme, besteht aus einem riesigen Karavan, ausgerüstet mit drei hochmodernen Einheiten. Christine Wenzler, ebenfalls Zahnmedizinstudentin aus Greifwald, war mit an Bord: "Ziel ist es vor allem, die Kinder frühzeitig zu erfassen und über Hygiene und gesunde Ernährung aufzuklären, denn eins der größten Probleme ist Coca-Cola! Abgesehen davon können auch Füllungen, Emergency-Endo und einfache Extraktionen vorgenommen werden - es ist wirklich erstaunlich, was man alles auf engstem Raum erledigen kann." Aber auch die Kliniken sind gut ausgestattet, berichtet Wenzler: In der Klinik in Hibbing, einer ehemaligen Minenstadt nahe der kanadischen Grenze, läuft alles über den PC.


Sprung ins kalte Wasser
Was die Behandlung betrifft: "Learning by doing" lautet die Devise. Und zu tun gibt es viel: Das Land ist weitläufig, Zahnärzte sind knapp. Viele Behandlungen, wie etwa chirurgische Extraktionen oder Kronenpräparationen, führen die Studenten hier zum ersten Mal eigenständig durch. Angst vor kritischen Situationen muss dennoch niemand haben: Den Youngsters stehen erfahrene Zahnärzte zur Seite. Vier bis sechs Patienten pro Tag schreibt der Terminkalender vor. Die Fälle reichen, so Wenzler, "vom ersten Zahnarztbesuch eines Dreijährigen bis zur Prothese für die achtzigjährige Oma".

Anders als in Deutschland wird für jeden Patienten ein umfassender Behandlungsplan erstellt: In einer zweieinhalbstündigen Untersuchung wertet der Behandler jeden Zahn einzeln aus. Ein weiterer Pluspunkt: Während ihrer Zeit in Übersee können die Studenten die Ausbildungsstätten innerhalb des Bundesstaates Minnesota wechseln und verschiedene zahnmedizinische Einrichtungen kennen lernen.

Anderer Kontinent, andere Verhältnisse: In Marangu, einem kleinen afrikanischen Dorf am Fuße des Kilimanjaro, stößt man bei der Behandlung schnell an seine Grenzen. Das technische Equipment fehlt an allen Ecken und Enden. Endodontische Therapien können gar nicht durchgeführt werden, weil es am Röntgengerät hapert. Außerdem leidet ein Großteil der Bevölkerung an Fluorose, Grad III bis IV - der Fluoridgehalt im Wasser ist so hoch, dass es neben starken Zahnschädigungen sogar zu Knochenverformungen kommt. Erstaunlicherweise erfreuen sich die meisten Patienten einer guten Mundgesundheit, obwohl die Zahnpflege dort traditionell noch mit Kohle und Zahnstöckchen betrieben wird. Dennoch machen Prophylaxeschulungen einen Großteil der Arbeit in der Zahnstation aus, denn die Mundgesundheit soll noch weiter verbessert werden.


Kein Job für Zimperliche
Papphütten ohne fließend Wasser, geschweige denn Stromleitungen - das ist der Einsatzort des Zahnärztlichen Hilfsprojekts Brasilien (ZHB), initiiert von der Bayerischen Landeszahnärztekammer. Im trostlosen Hinterland Recifes betreut das Team mehrere Schulen und errichtet Zahnstationen in den Slums. Das Leben in den Elendsvierteln wird von einem Teufelskreis aus Armut, Drogen, Analphabetismus und Prostitution beherrscht. Bei drückender Hitze und unter miserablen hygienischen Verhältnissen versuchen Zahnärzte vor allem die Kinder prophylaktisch zu versorgen. Gebisse in desolatem Zustand, Abszedierungen und Zahnlosigkeit treten selbst bei den Jüngsten häufig auf. Mitunter fehlt das Material, die meisten Instrumente sind hoffnungslos veraltet. Improvisieren ist angesagt: Wenn der Amalgamrüttler defekt ist, dann werden eben Handkneter und Spritze zum wichtigsten Utensil.

Bei den Hilfsprojekten sind die Ressourcen immer knapp - behandelt werden nur die schlimmsten Fälle, oft nur mit einfachsten Standardtherapien. In den Unikliniken, die über ihre Hochschule an den Austauschprogrammen partizipieren, können die Zahnärzte dagegen in der Regel auf modernes Arbeitsgerät zurückgreifen und dadurch auch neueste Methoden anwenden. Doch selbst in Häusern, die auf dem aktuellen Stand der Technik sind, kommt das fortschrittliche Inventar nicht immer allen zugute. In den USA etwa sind viele Patienten nicht krankenversichert. Adäquate Behandlungen kämen deshalb zu teuer - die Extraktion ist auch hier der einzige Ausweg.

Während die Kräfte in den Hilfsprojekten je nach Bedarf eingesetzt werden, ist der Uniaustausch klar strukturiert. Das gilt auch für Helsinki: Dem Praktikum ist ein zweiwöchiger Fantomkurs vorgeschaltet, in dem die finnischen Behandlungsmethoden und -instrumente vorgestellt werden. Danach nehmen die Studenten ihre Arbeit in der angeschlossenen Zahnklinik auf. Dieses duale System hat den Vorteil, dass die ausländischen Studenten Zeit haben, sich einzugewöhnen und sich mit Weggefährten auszutauschen. Zugleich werden sie auf ihre künftigen Aufgaben vorbereitet. Füllungen, Parodontologie, Kinderbehandlungen, Extraktionen und kieferorthopädische Behandlungen stehen auf dem Stundenplan. "Sämtliche Klinikrituale, wie das Reinigen der Boxen, das Computerprogramm und die Verwaltungsarbeit, wurden uns in den Einführungsveranstaltungen vorgestellt und erklärt", bescheinigt auch Hertz. Die Kurse werden in Englisch abgehalten. Sobald die Kommunikation mit den Patienten hakt, übersetzt die Kursschwester. Das kam Herz sehr entgegen. Sie entschied sich nämlich für Helsinki, weil sie dort keine sprachlichen Barrieren fürchten musste: Fast alle Finnen sprechen sehr gut Englisch.


Ein bisschen Spaß muss sein
Das Arbeitspensum variiert. Aber nicht nur das Quantum sorgt für Stress. Ungewohnte Abläufe und Verfahren, neue Kollegen und ein anderer Rhythmus zehren genauso an den Kräften. Hinzu kommt, dass die gesamte Kommunikation in einer Fremdsprache abläuft.

Wer so viel schafft, hat sich den Ausgleich redlich verdient. Zum Glück legen die Unis zumeist großen Wert auf die Betreuung ihrer ausländischen Studenten. Angefangen vom "Abholservice" am Flughafen, über reservierte Unterkünfte bis hin zu festen Ansprechpartnern wird der Aufenthalt schon im Vorfeld vorbildlich organisiert. Dasselbe gilt auch für das Freizeitangebot. Viele Fakultäten planen Touren und Ausflüge zu den Sehenswürdigkeiten der Umgebung - alles gute Gelegenheiten, um Land und Leute kennen zu lernen. Oft nehmen die einheimischen Studenten die Gastkommilitonen unter ihre Fittiche.

In Helsinki organisierte das Erasmus-Netzwerk Stadtrallyes und Tagestrips nach Tallin und Stockholm. Tutoren begleiteten die Neuankömmlinge zum Einwohnermeldeamt, zeigten ihnen die angesagten Treffpunkte, wie Cafés, Theater, Diskos, und zogen mit ihnen um die Häuser. Obendrein sind die Studienkollegen eine unersetzliche Hilfe, wenn das anfängliche Chaos einmal überhand nimmt.

Durch sie erhält man ferner einen sehr viel intimeren Einblick ins alltägliche Miteinander: Wer zum Beispiel eine Einladung zum Wochenendbesuch im Kreise der Eltern und Geschwister erhält, erlebt Familienleben eventuell einmal ganz anders.

Freilich dient das Sightseeing nicht nur der eigenen Erholung. Darüber hinaus ist es für die angehenden Zahnärzte ein absolutes Muss, über die Lebensumstände der Patienten im Bilde zu sein. Denn zweifellos setzt eine erfolgreiche Behandlung die genaue Kenntnis der landestypischen Gegebenheiten voraus.

In Tonga etwa bekommen junge Mädchen zum Geburtstag Goldinlays, die die Frontzähne verzieren sollen. Vielfach werden dabei intakte Vestibulärflächen angebohrt, um Retentionsflächen zu schaffen. Leider sind die Inlays nur begrenzt haltbar, sodass viele Schneidezähne schon in jungen Jahren total zerstört sind. In Gambia geht das Patientenaufkommen


Die Mobile Dental Unit in Aktion - erstaunlich, was in den Bus inklusive Zahnarzthelferinnen alles hineinpasst.


im September stark zurück. Für die Zahnärzte ist das aber kein Grund zur Sorge: Zu diesem Zeitpunkt beginnt nämlich die Reisernte, und die Bauern können es sich selbst bei Zahnschmerzen nicht leisten, ihre Felder zu verlassen.

Ein Blick nach Südafrika zeigt wiederum, dass das Land die Folgen des Apartheidsregimes noch nicht verwunden hat: Viele Farbige sind verarmt und können sich keine aufwändigen Behandlungen erlauben. Wie in den USA ist die Anzahl HIV- und Hepatitis-Infizierter alarmierend hoch - in vielen Kliniken wird nur mit speziellem Schutz für Gesicht und Hände gearbeitet.


Im Koffer das Moskitonetz
Mit dem Reiseziel ändert sich auch das Gepäck. Studenten auf dem Weg nach Tonga sollten zum Beispiel ein Moskitonetz einpacken, mahnen Karg und Rahmsdorf. Außerdem: "Wasserratten dürfen die Badeschlappen nicht vergessen - Tonga besteht aus Korallengestein!"

Aber egal, wohin die Reise geht: Nicht fehlen dürfen Desinfektionsmittel und eine eigene Reiseapotheke. Reiseführer geben praktische Tipps zur Reisevorbereitung, der ZAD gibt überdies Auskunft über die notwendigen Utensilien, die die künftigen Weltenbummler unbedingt dabei haben sollten. Dazu gehört auch der Impfpass. Bei Reisen nach Asien, Südamerika und Afrika müssen die Studenten weit im Voraus klären, welcher Impfschutz sinnvoll ist. In Brasilien sind zum Beispiel gleich mehrere Prophylaxeimpfungen erforderlich: gegen Malaria, Cholera, gegebenenfalls gegen Hepatitis A und B, Tollwut und Meningokokken.

Viele Länder verlangen zudem ein Visum, das bei den Zahnärzten häufig an eine amtsärztliche Untersuchung und bestimmte Impfungen gekoppelt ist.

Wer bei einem Hilfsprojekt arbeiten will, sollte vor Reiseantritt nachfragen, welche Medikamente, Materialien und Instrumente vor Ort benötigt werden: Spenden sind immer sehr gefragt. Damit nicht unerwartet Ebbe in der Kasse herrscht, sollte man sich vorher bei den Fluggesellschaften erkundigen, wie viel Kilogramm Gepäck kostenlos befördert werden. Überschüssiges Gewicht kann einen teuer zu stehen kommen!

In den Geldbeutel reißt die Fahrt sowieso ein großes Loch: Mehr als Aufwandsentschädigungen werden erfahrungsgemäß nicht gezahlt. Der DAAD gewährt bei Aufenthalten über 60 Tage allerdings einen Reisekostenzuschuss, der über den ZAD beantragt werden kann. Zum Teil sind Unterkunft und Logis frei. Alle Freizeitvergnügungen zahlen die Abenteurer jedoch in jedem Fall aus eigener Tasche. Zusätzlich belasten Versicherungs- und Impfkosten das Konto.


Über den Tellerrand blicken
Im Vorfeld müssen die Globetrotter eine Menge vorbereiten. Bleibt die Frage, ob sich der ganze Aufwand lohnt: Im Grunde sollte wohl ein Praktikum daheim genügen, um sich für die Praxis fit zu machen - das Studium vermittelt schließlich auch viel Stoff. Aber der Schluss trügt. "Ich kann nur jedem ans Herz legen, ein Auslandssemester zu machen", schwärmt Wenzler. "Meine Zeit in Minneapolis ist viel zu schnell vergangen!" Sie hat "live" erfahren, dass die USA mit Verfahren und Methoden arbeiten, die hier zu Lande unüblich sind. Gerade der Blick über den Tellerrand schärft das Bewusstsein: Die Studenten werden Forschung und Praxis gegenüber kritikfähiger. Im Ausland müssen viele Praktikanten eigenverantwortlich arbeiten und wichtige Entscheidungen selbst treffen. Solche Erfahrungen fördern die Selbstständigkeit und stärken Selbstbewusstsein und Persönlichkeit. "In Tonga Zahnmedizin zu erleben war eine tolle Erfahrung!" kommt unisono von Karg und Rahmsdorf. Wer in einem fremden Land gelebt hat, lernt nicht nur die Sprache, sondern erlebt eine neue Kultur und Lebensweise. Das erweitert den eigenen Horizont. Hertz stimmt zu: "Wenn ich gewusst hätte, wie schön und angenehm es hier ist, wäre ich länger geblieben. Ich würde nach diesem Aufenthalt sogar in Betracht ziehen, in Finnland zu arbeiten."

Last but not least: Ein Auslandsaufenthalt bringt Pluspunkte bei der Bewerbung.

Zahnmedizinischer Austauschdienst (ZAD) e.V., Mallwitzstr. 16, 53177 Bonn,
Tel.: , Fax.: -34 06 71
E-Mail: cc@fvdz.de, www.zad-online.com
www.daad.de: Deutscher Akademischer Auslandsdienst
International Association of Dental
Students, c/o FDI World Dental Federation,
13, chemin du Levant l'Avant Centre
F-01210 Ferney-Voltaire, Frankreich.
Tel.: +33 4 50 40 -50 50, Fax: -55 55
www.arbeitsamt.de/zav/jobs: Bundesanstalt für Arbeit: Jobs, Praktika im Ausland
www.dental.uni-greifswald.de/ausland, www.uni-wh.de: Beide Unis haben auf Ihren Seiten viele Famulatur- und Austauschberichte
www.uni-greifswald.de/~aaa/stud_aus/stud_aus.htm: Gute Tipps für den Trip
www.dtg.mwn.de: Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin
und Internationale Gesundheit e.V.

carlos  
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