Berliner Zahnärztin reist mit vier Beinen nach Haiti

#1 von carlos , 06.07.2016 15:37

Daniela Goehlich in ihrer Zahnarztpraxis in Wittenau. Bei ihrem Einsatz in Haiti wird sie weniger gut ausgestattet sein

Daniela Goehlich hat eine Praxis, drei Kinder und engagiert sich jetzt in einem Entwicklungsprojekt. Im Gepäck: spezielle Instrumente.

Daniela Goehlich musste nicht lange überlegen. Ende Mai klingelte ihr Handy. Eine befreundete Zahnärztin fragte, ob sie mitfahren wolle nach Haiti, um bei einem Projekt der Hilfsorganisation dentists and friends mitzuarbeiten. Drei Tage später hielt Daniela Goehlich schon ihr Flugticket in der Hand. Natürlich hatte die 43 Jahre alte Zahnärztin erst einmal ihren Mann angerufen. "Er wusste, dass ich so einen Einsatz immer schon machen wollte. Außerdem war er selbst gerade mit Freunden im Urlaub, da hatte er wenig Argumente dagegen",erzählt sie.

Die Idee, sich an einem Hilfsprojekt im Ausland zu beteiligen hatte Daniela Goehlich bereits nach ihrem Studium, "aber damals hatte ich nicht genug Geld, um Flug und Aufenthalt zu bezahlen und trotzdem meine Wohnung zu halten". Dann hat sie geheiratet, mit ihrem Mann eine Praxis in Wittenau eröffnet, ist nach Westend gezogen und hat drei Kinder bekommen. Elf, neun und vier Jahre alt sind sie, da sind die Tage auch ohne Hilfsprojekt schon voll. Aber das hält sie nicht ab.

Schon lange verfolgt Daniela Goehlich die Einsätze der Bremer Zahnärztin Dorothea Brandenburg, bei der sie nach dem Studium zwei Jahre gearbeitet und ihre Doktorarbeit geschrieben hat. Seit einigen Jahren engagiert sich Brandenburg für "dentists and friends" und fährt immer wieder in Regionen, in denen es keine Zahnärzte gibt oder sich die Menschen einen Zahnarztbesuch nicht leisten können. Zweimal war sie schon in dem von Armut geprägten Inselstaat Haiti. Im September geht es zum dritten Mal los, in einem Team von vier Zahnärzten. Doch gerade als die Planung begann, sprang ein Kollege ab, also rief sie bei Daniela Goehlich an.
Viele Freunde schüttelten erst einmal den Kopf

Mit 14 Tagen vor Ort, dazu drei Tagen An- und Abreise ist der Einsatz recht kurz, dennoch hat Dorothea Brandenburg eigentlich nicht mit einer Zusage gerechnet. Es sei sehr ungewöhnlich, dass jemand mitfahre, der mitten im Arbeits- und Familienleben stehe. "Die meisten Ärzte kommen entweder gerade von der Uni oder entschließen sich dazu am Ende ihres Berufslebens." Auf Dorothea Brandenburg trifft beides zu. Sie war schon während des Studiums in Haiti, um zu helfen, und 30 Jahre später ist sie es wieder.

Als Daniela Goehlich nun ihren Freunden erzählte, was sie trotz drei kleiner Kinder und Praxis vorhat, schüttelten viele ungläubig den Kopf, aber sie erntete auch viel Bewunderung. Sie selbst ist zuversichtlich, dass die Entscheidung richtig ist, auch wenn es in Haiti immer wieder Tote bei Ausschreitungen gibt, auch wenn das Auswärtige Amt vor Reisen dorthin warnt, auch wenn das Land eine der höchsten HIV-Zahlen hat. Aber die Motivation der Zahnärztin ist klar: "Ich möchte helfen und Menschen von ihren Schmerzen befreien." In ihrer Praxis würden so viele Dinge abverlangt, die sie gar nicht gelernt hat: "Oft fühle ich mich nicht als Zahnärztin, sondern mehr als Unternehmer, Personalmanager oder Psychologe."
Dreimal so viele Patienten wie in Berlin

In ihrer Praxis hat sie im Schnitt 15 Patienten am Tag, in Port Salut, an der Südküste Haitis, werden es fast dreimal so viele sein. In einer Schule wird dazu ein provisorisches Behandlungszimmer eingerichtet, in dem Daniela Goehlich und Dorothea Brandenburg an zwei mobilen Bohr-Einheiten arbeiten. Die Patienten sitzen dabei auf normalen Schulstühlen. Ein Kollege kümmert sich um alles, wozu kein Bohrer benötigt wird, ein weiterer Kollege macht die Erstkontrolle und schreibt den Patienten auf die Hand, was gemacht werden muss.

Unterstützt wird er dabei von einem Englischlehrer, der extra mit seinen besten Schülern kommt und bei der Verständigung hilft, denn die meisten Haitianer sprechen nur kreolisch. "Allerdings ist in vielen Fällen auch ohne Dolmetscher schnell klar: Der Zahn muss raus", so die Erfahrung von Dorothea Brandenburg. Kaum ein Haitianer war vorher jemals beim Zahnarzt, weil es in der Region gar keinen gibt. Wenn die Schmerzen zu groß werden, gehen sie höchstens zu einem sogenannten Zahnbrecher, der mit brachialer Methode einen Zahn zieht.
Ärzte zahlen Kosten für Flug und Unterkunft selbst

Das Equipment stellt "dentists and friends" zur Verfügung. 2008 wurde die Hilfsorganisation in Franken gegründet. Seitdem waren 123 Zahnärzte in 47 Einsätzen dabei, 2015 waren es 23 Zahnärzte und neun Einsätze. "Dentists and friends" finanziert sich ausschließlich durch Sponsoren und Spenden, vor allem mit Altgold. Die mitfahrenden Mediziner zahlen Flüge und Versicherungsschutz selbst. Für Verpflegung und Unterkunft in der Schule kommen sie mit einer Spende auf. Nach dem Jahresbericht 2015 fließen nur 1,2 Prozent des zur Verfügung stehenden Geldes in Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit.

Arbeiten wird das Ärzteteam bei Temperaturen von etwa 35 Grad von morgens bis zum frühen Abend. Die Menschenschlange vor der Schule wird aber wohl trotzdem kaum kürzer werden. "Ich glaube, das wird sehr schwierig für mich", sagt Daniela Goehlich, "normalerweise arbeite ich so lange, bis das Wartezimmer leer ist, aber das wird dort nicht gehen."
Mann übernimmt Management der Familie und der Praxis

Und noch etwas muss sie aushalten: 17 Tage ohne ihre Familie. Zwar gibt es inzwischen auch in Port Salut Internet, aber das funktioniert nicht immer, weil es oft Stromausfall gibt. "In den letzten zwölf Jahren war ich höchstens mal übers Wochenende mit einer Freundin weg", erzählt die Zahnärztin. Das wird für alle eine Umstellung sein. Aber sie vertraut darauf, dass ihr Mann alles managt. Schließlich haben sie darin Übung: Seit die Kinder auf der Welt sind, haben sie sich Praxis und Betreuung immer geteilt. Allerdings muss er dann jetzt die Aufgaben für beide übernehmen. "Die Kinder werden eben vieles selbstständig machen, aber daran werden sie auch wachsen", hofft sie. Schon jetzt holt der große Bruder den kleinen manchmal aus der Kita ab. "Und wenn nicht immer alles perfekt läuft, ist das auch nicht schlimm", sagt Daniela Goehlich gelassen.

Sie wird ja während des Projekts auch viel improvisieren müssen. Für Perfektion gibt es weder die Zeit noch die Ausstattung in Port Salut. Damit sie sich bei der Arbeit trotzdem wohlfühlt, wird sie vier ihrer eigenen "Beine" nach Haiti mitnehmen. Das sind Hebel, die beim Ziehen von Zähnen zum Einsatz kommen.

Und sie ist sich sicher, dass sie mehr als ihre "Beine" wieder mit nach Hause bringen wird. "Mein Mann hat sogar ein bisschen Angst, dass mich das Projekt verändern wird", erzählt sie. Ausschließen kann sie das nicht: "Manche Dinge, über die man sich hier im Alltag aufregt, erscheinen einem dann wahrscheinlich gar nicht mehr wichtig. Aber so eine Erfahrung tut ja auch sehr gut ."

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RE: Berliner Zahnärztin reist mit vier Beinen nach Haiti

#2 von carlos , 06.07.2016 15:37

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