Behandlungen auf einem alten Reisfrachter - Teil 1

#1 von carlos , 10.03.2013 11:17

Der pensionierte Berliner Zahnarzt Dieter Buhtz (64) fliegt nach Myanmar in Südostasien, um drei Wochen an Bord einer schwimmenden Klinik die Menschen dort zu behandeln. Seine Eindrücke der Reise.
"Mingalanenekinba U Hleigh Myint!“ (Guten Morgen, U Hleigh Myint). Morgens ist der Kapitän der "Zawgyi“ meist der Erste, dem ich begegne. "Mingalaba U Dieter“ antwortet er. Und ich mache ihm die Freude, die mühsam erlernten burmesischen Sätze aufzusagen, die er mir beigebracht hat. Mittlerweile breche ich mir dabei auch nicht mehr die Zunge ab - und U Hleigh Myint ist ungemein stolz auf sich als Lehrer.
Ein vieltausendfacher Glücksbringer

Ich bin an Bord der Zawgyi unterwegs mit den Swimming Doctors im Delta des Ayeyarwady. Die "Zawgyi“, zu Deutsch "vieltausendfacher Glücksbringer“, trägt den Namen eines alten burmesischen Zauberers und Magiers, der vor mehr als 1.000 Jahren gelebt haben soll und angeblich sogar fliegen konnte. Der Name passt: Auch die Swimming Doctors bewirken hier im Delta immer wieder kleine Wunder und bringen den Menschen Glück.

Am 2. Mai 2008 fegte der Zyklon Nargis mit unvorstellbarer Gewalt über das Delta hinweg und zerstörte mit einem Schlag die Existenz der hier lebenden Bevölkerung. Mehr als eine Million Menschen waren über Nacht obdachlos, ohne Kleidung, ohne Nahrung. Dank internationaler humanitärer Hilfe können die Menschen dort ihr Leben mittlerweile wieder selbst in die Hand nehmen.
Im abgeschiedenen Delta bleibt nur das Boot

Das Delta ist ein abgeschiedenes, von der Regierung weitgehend vernachlässigtes Gebiet, durchzogen von Flüssen und Kanälen, ohne Straßen, Industrie oder Sehenswürdigkeiten. Die Menschen leben vom Reisanbau und vom Fischen. Um voranzukommen, fährt man mit dem Boot. Daraus entstand die Idee, mit den Swimming Doctors den Menschen im Delta eine mobile medizinische Grundversorgung anzubieten, Schwangere und Neugeborene zu untersuchen und seit Neuestem auch eine zahnärztliche Grundversorgung zu gewährleisten.

Finanziert werden die Swimming Doctors von der Stiftunglife in Zusammenarbeit mit Hapag-Lloyd. Daneben engagiert sich Stiftunglife in vielen unterprivilegierten Ländern vornehmlich für Kinderprojekte, den Bau von Schulen, die Förderung von Studenten, die Einführung von Solarlampen und Wasserprojekten in dörflichen Gegenden und für die Tafeln in Deutschland. Bemerkenswerterweise fallen bei dieser Stiftung keine Verwaltungskosten an.

Aufmerksam wurde ich auf die Swimming Doctors durch eine Annonce in den zm. Jürgen Gessner, einer der Gründer der Stiftunglife, und Patrick Meyer hatten wenig Mühe, mich von einer Mitarbeit zu überzeugen. Patrick hat als angehender Arzt aus Kiel fast ein halbes Jahr in Myanmar und auf der Zawgyi zugebracht und das Medical Team in der Ultraschalldiagnostik bei Schwangeren geschult.
Wie sieht die Ausrüstung vor Ort aus?

Ich hatte mich vermeintlich akribisch vorbereitet, zumal ich letztes Jahr bei einem Einsatz in der Mongolei für "dentists without limits“ schon die Erfahrung machen musste, dass durchaus eine Diskrepanz bestehen kann zwischen dem, was an zahnärztlichem Equipment und Material angeblich vor Ort einsatzfähig sein soll, und dem, was tatsächlich vorhanden und einsatzfähig ist.

Swimming Doctors haben erst dieses Jahr im Mai die Zahnmedizin in ihr Angebot aufgenommen und einen jungen burmesischen Zahnarzt angeworben, dem ich Wissen und Erfahrung vermitteln sollte. Anhand einer mir vorab übermittelten detaillierten Equipmentliste konnte ich einschätzen, was ich vorfinden würde und was ich besser noch mitzunehmen hatte. So waren auf der Zawgyi eine komplette Behandlungseinheit mit integriertem Zahnsteinentfernungsgerät (ZEG) und ein light-cure-Gerät installiert worden. Man hatte unter anderem einen UV-Schrank zur Aufbewahrung von Instrumenten, ein Ultraschallbad zur Reinigung von Instrumenten, ein Autoklav, Abdruckmaterial, Klammerbiegezangen, Quecksilber und Feilung zur Anmischung von Amalgam angeschafft.

Ganz offensichtlich war hier eine gut gemeinte, aber von wenig Sachverstand für die speziellen Gegebenheiten an Bord und im Delta geprägte Auswahl getroffen worden. Ich stellte zusammen, was zusätzlich benötigt werden würde. Manches musste ich kaufen, manches verdankte ich Spenden großzügiger Sponsoren. Ausdrücklich möchte ich daher an dieser Stelle den Firmen KaVo Dental GmbH, Alpro Medical GmbH, Sigma Dental Systems - Emasdi GmbH, 3M Espe GmbH, Hager & Werken GmbH, Ivoclar Vivadent AG, Centrix Dental, Coltène/Whaledent GmbH, Henry Schein Dental und meinen ehemaligen Praxispartnern Dres. Appenzeller und Griethe für ihre Unterstützung danken.
Die Lieblingszange muss mit

Vorab wurden etwa 30 kg an Ausrüstung und Material von Jürgen Gessner schon nach Myanmar geschafft, unter anderem ein Kapselmischgerät für Füllmaterialien, Biogel-D-Handschuhe in der von mir benötigten Größe, Zylinderampullen mit Lokalanästhetika, Kanülen, Hände-, Instrumenten- und Flächendesinfektionsmittel, ja sogar kleine Geschenke für die Kinder unter den Patienten.

Alles schien in Yangon angekommen zu sein. Ich konnte mich bei meiner Anreise darauf beschränken, neben meinem auf das Notwendigste reduzierten persönlichen Gepäck Lieblingszangen und -hebel, Übertragungsinstrumente, Füllmaterialien sowie etliche mir unentbehrlich erscheinende Kleinmaterialien mitzunehmen. Und natürlich Fotoapparat und iPad.

Am 25. November ging es endlich los. Bei der Kontrolle von vorausgeschickten Paketen musste ich feststellen, dass das Flughafenpersonal in München bei einer Sicherheitskontrolle sämtliche Hände- und Instrumentendesinfektionsmittel entnommen hatte. Da das betreffende Paket ohne jeden Hinweis auf die Entnahme wieder verschlossen worden war, fiel der Verlust erst jetzt auf.
Die abgelaufenen Desinfektionsmittel sind die Rettung

Ein Desaster! Eine Inspektion der im Hafen liegenden Zawgyi bestätigte meine Befürchtungen, dass derartige Lösungen nicht vorhanden, ja sogar unbekannt waren. Wollten höhere Mächte mich für meine seinerzeitige Mitarbeit an den Hygieneempfehlungen des Robert Koch-Instituts bestrafen? Ich hatte doch ohnehin schon extra für diesen Einsatz nur absolut unumgängliche Hygienemaßnahmen auf einer Doppelseite zusammengefasst. Und nun konnte ich selbst die in die Tonne hauen.

Recherchen in Yangoner Zahnarztpraxen ergaben, dass selbst etablierte Zahnärzte in Myanmar offensichtlich keine Händedesinfektions- oder Instrumentendesinfektionsmittel verwenden. May Phyo Win, Geschäftsführerin des Restaurants Zawgyi-House und Assistentin von François Kennedi, der gemeinsam mit Jürgen Gessner die Idee der Swimming Doctors umgesetzt hat, gelang es schließlich doch noch, in einem Dentalhandel sieben 300 ml-Spenderflaschen mit Händedesinfektionsmittel aufzutreiben. Dass das Verfalldatum im Juli 2012 bereits überschritten war, fiel schon gar nicht mehr ins Gewicht.

Als es May Phyo gelungen war, den Preis von 35 auf 18 Dollar pro Flasche herunterzuhandeln, wurde mir schlagartig klar, warum die Händedesinfektion in der burmesischen Zahnmedizin nur ein Mauerblümchendasein fristet. Auch 5 Liter einer Chlorhexidindigluconat-Lösung konnten wir zu einem ähnlich horrenden Preis (80 Dollar) erstehen. Laut Label "for emergency desinfection of instruments". Na ja, ein Notfall war es ja nun wirklich. Der Versuch, mich bei Google näher über das betreffende Produkt zu informieren, scheiterte allerdings kläglich an der instabilen Internet-Verbindung in Yangon.
Ready for Mission 25?

Dann endlich der Beginn unserer "Kreuzfahrt“ ins Delta. Die "Mission 25" soll uns für jeweils zwei Tage in zehn verschiedene Dörfer führen, 20 Arbeitstage werden es sein. Vorfreude, Skepsis, Ungewissheit hätten beim Ablegen in meinem Blick gelegen, lese ich nach meiner Rückkehr auf der Website der Stiftung life. Ja, ich bin aufgeregt: Werde ich den Herausforderungen gewachsen sein, dem Klima, der Sprachbarriere, der Trennung von zu Hause?

Die Zawgyi ist ein umgebauter alter Reisfrachter, der auch in engeren Wasserläufen manövrieren kann. Die Umbauten erfolgten zweckmäßig, trotzdem herrscht Enge. Es gibt sogar einen kleinen Operationsraum, in dem Pe Thej Aung, ehemaliger Militärarzt und ein begnadeter Chirurg, assistiert von einer Schwester und einem der Bootsleute, Eingriffe durchführt und Geburten einleitet. Nicht selten sogar per Kaiserschnitt.

Pe Thej Aung ist ein wahrer Glücksfall für die Swimming Doctors. Wenn er nicht operiert, untersucht er Patienten in dem für die Zeit der Dorfaufenthalte umfunktionierten Steuerhaus der Zawgyi, eigentlich der Kapitänskajüte. Die Koje des Kapitäns dient dabei als Untersuchungsliege. In einem weiteren Raum führt er Voruntersuchungen und Ultraschalluntersuchungen bei Schwangeren durch.
Der Decksplan und die Kollegen

Der Verbandsraum dient den drei Schwestern Jo(sephine), Waw Diana und Wah Wah Htoo zum Impfen, Injektionen verabreichen, Wunden versorgen und - abgezählte - Medikamente verteilen. Müssen Infusionen verabreicht werden, steht hierfür notfalls auch noch eine Liege im Mannschaftsquartier unter Deck zur Verfügung.

Schließlich gibt es noch ein kleines Labor, in dem U, ebenfalls altgedienter Militär, zeitnah die notwendigen Tests durchführt. Und natürlich noch den zahnärztlichen Behandlungsraum mit Dr. Sith Thu und Khaing Kyaw, der eigentlich der Koch der Zawgyi ist, aber nebenher als zahnärztliche Assistenz fungiert. Der mittschiffs gelegene Durchgang ist Anmeldung und Wartebereich zugleich, bisweilen sind aber selbst die Gänge verstopft, denn wenn ein Familienmitglied zur Behandlung muss, geht der Rest der Familie mit, ob jung oder alt, teils aus Anteilnahme, als notwendige Begleitung oder auch nur aus Neugier, weil hier die Welt hinter der nächsten Flussbiegung zu Ende ist.

Schließlich kann man den Ärzten und Schwestern durch die Scheiben der Behandlungsräume ja auch so wunderbar bei der Arbeit zusehen! Häufig sind es auch dankbare Mütter mit ihren Kindern, die sie an Bord zur Welt gebracht haben, und die jetzt den die Fortschritte der Kleinen vorführen möchten.

Der Decksplan wird komplettiert durch drei Zweibettkabinen, eine Vierbettkabine für die Schwestern, die achtern eingebaute Kombüse und dem Prunkstück: zwei richtigen Toiletten nebst Dusche, angeblich die einzigen im ganzen Delta. Die Mannschaft ist im Unterdeck untergebracht, dort befinden sich neben dem Maschinenraum mit zwei Generatoren auch Wasseraufbereitungsanlage und Waschmaschine.

Auf dem "Oberdeck", dem Dach des alten Frachters, sind vier zusätzliche Schlafplätze im Freien installiert für diejenigen, die die bisweilen drückend Schwüle in den Kojen nicht aushalten. Der schlaue Sith Thu schläft allerdings des Öfteren auch mal auf dem Boden des zahnärztlichen Behandlungsraums - sind doch dieser Raum und der OP die einzigen mit einer Klimaanlage.

Neben dem Kapitän, dem Steuermann und dem Koch gehören fünf Schiffsjungen zur Mannschaft, der Schiffstechniker U Soe und sein Sohn Yan Linn Aung, der in den Dörfern für die Verteilung der von der Stiftung life zur Verfügung gestellten Solarlampen verantwortlich ist ...



Hier erfahren Sie mehr über die lokalen Mitarbeiter und die swimming doctors.

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RE: Behandlungen auf einem alten Reisfrachter - Teil 1

#2 von carlos , 10.03.2013 11:18

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