Famulatur in Guatemala – Frischer Wind in Antigua –

#1 von carlos , 04.08.2010 23:02

Rendezvous mit der Zahnratte

Fremde Gerüche, eine fremde Sprache – jeder, der in ein unbekanntes Land fährt, kennt das Gefühl. Alles ist neu und unglaublich interessant. Das Ganze gestaltet sich zu einem Abenteuer, will man dort arbeiten. Franziska Maslewski, Zahnmedizinstudentin der Charité – Universitätsmedizin Berlin, zu der Zeit im neunten Semester, geht zur Famulatur für zwei Monate in ein Entwicklungsland. Ihr Ziel ist Guatemala. Dort will sie in einer Zahnmedizinischen Praxis arbeiten und Spanisch lernen.

Wieso gerade Guatemala? Franziska plante schon länger ein Semester oder zumindest die Semesterferien im Ausland zu verbringen. So bietet ihr PD Dr. W. D. Müller (Abteilung für Biomaterialforschung der Abteilung für Zahnärztliche Prothetik und Alterszahnmedizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin) an, sie mit Dr. Luis Ramiréz aus Antigua, Guatemala, bekannt zu machen. Dank Müllers Einsatz und der freundschaftlichen Beziehung der beiden Zahnmediziner kann der Plan verwirklicht werden. Franziska nimmt das Angebot an und sitzt bald im Flugzeug nach Mittelamerika.

Schnell werden die Unterschiede zwischen Deutschland und ihrer neuen Heimat während der nächsten zwei Monate klar. Barocke Bauten aus der spanischen Kolonialzeit, kleine bunte Reihenhäuser und Wellblechhütten drängeln sich an den Straßen, die überfüllte Chicken-Busse, Motorräder und Tuk-Tuks (Mopedtaxis) befahren. Außerdem muss Franziska ihre konservative Vorstellung von Ordnung über Bord werfen und lernen, dass es normal ist, schon mal eine halbe Stunde nach der oberen Molarenzange zu suchen.
„Buenos dias, Doctora“

Der erste Tag nach der Anreise: Ohne Schonfrist geht es los, Handschuhe an, ran an die Patienten und sich den rudimentären Spanischkenntnissen stellen. Drei Kilometer außerhalb von Antigua, dem Verwaltungssitz Guatemalas, arbeitet die Studentin mit einem der beiden Zahnärzte in der Ein-Raum-Abteilung Odontologia im Hospital Nacional de San Felipe. Hier stehen ihr bis zu 15 Zahnarzthelferinnen und Zahnarzthelfer zur Seite. Der Beruf ist in Guatemala neu, und dementsprechend wimmelt es nur so von Auszubildenden. Andererseits hält auch schon mal jemand vom Reinigungspersonal die Absaugkanüle.

Hospital
Das Hospital Nacional de San Felipe liegt drei km außerhalb von Antigua.

Schnell offenbaren sich erste Schwierigkeiten. Franziska ist zu groß. Mit ihren 1,69 Meter überragt sie sogar die Männer. Behandelt sie im Stehen, wie dort üblich, ist es für die Helfer schwer, den Tupfer auf die richtige Stelle zu drücken. Außerdem unterscheidet sich die Nomenklatur nicht nur bei den Zangen, sondern auch bei den Zähnen. In Guatemala werden die Zähne nach dem amerikanischen System nummeriert. Im ersten Quadranten beginnend, wird von eins bis 32 durchgezählt.

In den Behandlungsraum, gleichzeitig auch Röntgenraum, stellt man neben den Behandlungsstuhl eine zusätzliche Liege. Nun können, dank der deutschen Verstärkung, auf dem einen „Stuhl“ Zähne gefüllt und auf dem anderen – ohne Licht – extrahiert werden.

Das Hospital Nacional de San Felipe ist vor allem für die einfache Bevölkerung und die Nachfahren der Maja die Anlaufstelle für eine zahnmedizinische Behandlung. Extraktionen und Füllungen sind hier im Gegensatz zu vielen anderen Praxen kostenfrei. Deshalb sind die Schlangen auch schon in den frühen Morgenstunden lang. Viele Patienten nehmen weite Wege in Kauf, um sich einen schmerzenden Zahn ziehen zu lassen.

Auf gesunde Ernährung wird in Guatemala kein großer Wert gelegt. So sind Chips und Süßigkeiten ein ganz normales Frühstück. Oft muss Franziska den Erwachsenen erklären, dass man sich die Zähne putzt und dass dazu mehr als eine Zahnbürste pro Familie notwendig ist. Die ersten Schritte der Regierung für eine bessere Zahngesundheit sind Aufklärungsarbeit und kostenfreie Fluoridierungen an den Schulen. Diese führen meist guatemaltekische Zahnmedizinstudenten aus, zu deren Ausbildung es gehört, die zahnmedizinische Versorgung in kleinen, oft abgelegenen Dörfern und an Schulen zu sichern. Dazu müssen sie alte Majasprachen lernen, denn viele Ureinwohner verstehen kaum Spanisch.

Franziska Maslewski
Franziska Maslewski behandelt eine Patientin.

Welcome to the Jungle

Nach dem ersten Monat in Guatemala behandelt auch Franziska die Landbevölkerung in den kleineren Dörfern. Dort ist die Ausstattung moderner, allerdings kostet die Behandlung Geld, und nicht jeder kann es sich leisten, sich für umgerechnet 2,50 Euro einen Zahn ziehen zu lassen. Es gibt sogar Lichtmatrizen, Küretten, Füllungskomposite und Soflex-Scheiben. Trotzdem heißt es oft erfinderisch sein: Taschenlampen helfen bei Stromausfall, und ein fantasievoller Einsatz der Instrumente ist gefragt, wenn die Helferin mal nichts sterilisiert hat.

In den Dörfern sind die meisten Patienten Kinder. Kleine, tapfere guatemaltekische Cowboys, die sich stolz gegenseitig ihre neuen Lücken oder Füllungen zeigen und ihre gezogenen Zähne mit nach Hause nehmen, um sie für die Zahnratte unters Kopfkissen zu legen. Franziskas Arbeit in Guatemala bringt beiden Seiten Vorteile. Die Studentin lernt viel, weil sie meistens vollkommen selbstständig arbeitet. Zugleich bringt sie frischen Wind in Antiguas Behandlungsmethoden.
Neben der Arbeit bleibt auch noch Zeit, sich die Gegend anzusehen und Spanisch zu lernen. Dichter Urwald, Vulkane und die Schönheit des Hochlands sowie der Pazifik- und der Karibikküste prägen das Land des ewigen Frühlings.

Allerdings darf bei aller Schönheit die Armut der Bevölkerung nicht vergessen werden. Kanalisation ist Luxus, und in Guatemala City ist die Kriminalitätsrate so hoch, dass man dort nie zu Fuß gehen sollte, denn ein Menschenleben zählt nicht viel. Trotzdem nutzen viele Rucksacktouristen die Gelegenheit, hier Spanisch zu lernen, denn in Guatemala wird außerhalb Spaniens das reinste Spanisch gesprochen.

Franziskas Famulatur in Guatemala war ein großes Abenteuer. Nette Menschen, eine wundervolle Landschaft, tropische Temperaturen und lateinamerikanischer Rhythmus, Urlaub bei der Arbeit und viele neue Erfahrungen – wer will das schon verpassen?

Annika Maslewski

http://www.dzw.de/zahnmedizin/artikel/ar...-zahnratte.html

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