Hilfe im Erdbebengebiet von Haiti

#1 von carlos , 17.05.2012 23:21

Rettungsassistent und ehrenamtlich im Hilfseinsatz für humedica e.V.
Tim Frodermann

Dienstag, 12. Januar 2010. Ein Erdbeben der Stärke 7 erschütterte um 16:53 Uhr Ortszeit den Inselstaat Haiti in der Karibik. Das Epizentrum lag 25 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Port-au-Prince. Mehr als 210 000 Tote und 300 000 Verletzte hinterließ die Naturkatastrophe. Insgesamt sind circa drei Millionen Menschen betroffen. Tim Frodermann hat als ehrenamtlicher Mitarbeiter im Katastrophengebiet geholfen.
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Foto: Tim Frodermann

Übersicht

Der Weg ins Katastrophengebiet
Ankunft in Port-au-Prince
Das Krankenhaus
Krankenhausalltag
Der Tag geht zu Ende
Der Autor

Unmittelbar nach dem Erdbeben erreichte mich eine SMS von der NGO (Non-Goverment-Organisation) humedica e.V. mit Sitz in Kaufbeuren. Die Hilfsorganisation leistet und organisiert medizinische Notfallhilfe in Notstands- und Katastrophengebieten. Humedica suchte Helfer für einen Einsatz in Haiti, und da ich bereits im Oktober 2009 nach den Taifunen „Ketsana“ und „Parma“ auf den Philippinen für die gleiche Organisation im Einsatz war, entschied ich spontan mich dem Team anzuschließen und am Montag, den 18. Januar 2010 ins Erdbebengebiet zu fliegen.

Foto: Tim Frodermann
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Der Weg ins Katastrophengebiet Nach oben hoch

Am Flughafen in Düsseldorf trafen sich insgesamt 16 Mediziner, um mit einer Sondermaschine der Air Berlin nach Puerta Plata in der Dominikanischen Republik zu fliegen. Unter den Medizinern waren Ärzte, Krankenschwestern, Rettungsassistenten, Logistiker und Koordinatoren. Da der Flughafen von Port-au-Prince vom US-Militär besetzt und deshalb für Zivilflugzeuge gesperrt war, mussten wir den Umweg über den Nachbarstaat nehmen. In unserem Gepäck befanden sich fast hundert Tonnen Hilfsgüter: Verbandsmaterialien, Medikamenten, Zelten, Feldbetten, Wasserfiltern und Babynahrung.

Foto: Tim Frodermann
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Um 19:10 Uhr Ortszeit landeten wir im Norden der Dominikanischen Republik. Nach einer Nacht im Hotel ging es morgens um vier Uhr mit Bus und LKWs über Santo Domingo nach Jimani, einer Stadt direkt an der Grenze zu Haiti. Die Gefahr von Überfällen war aufgrund der Katastrophensituation zu groß, sodass wir nur noch in einem UN-Konvoi in die Grenzstadt Port-au-Prince gelangten. Allerdings fuhren die Konvois nur morgens um 6:00 Uhr und abends um 17:00 Uhr.

Foto: Tim Frodermann
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Mittwochmorgen, als wir uns bereits an der Grenze zu Haiti befanden, erschütterte das zweite Beben die Insel, diesmal mit einer Stärke von 6,1 Punkten auf der Richterskala. Wir erfuhren, dass das Krankenhaus Espoir (zu deutsch: Hoffnung) in dem wir in Port-au-Prince arbeiten sollten, stark beschädigt wurde. In welchem Ausmaß war uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar!

Foto: Tim Frodermann
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Die Straßen waren verstopft. Militär, Hilfsorganisationen, Bagger und andere Fahrzeuge wollten alle in die Hauptstadt Haitis. Erschwerend kam hinzu, dass die Straßen sehr schmal und in schlechtem Zustand waren. Nach insgesamt 24 Stunden erreichten wir gegen Nachmittag die Hauptstadt.Es bot uns ein Bild des Grauens. Ein Großteil der Stadt war zerstört, viele Gebäude waren wie Kartenhäuser zusammen gebrochen. Unter dem Schutt lagen noch immer Verletzte und Leichen. Der Geruch von Verwesung lag in der Luft. Hubschrauber kreisten über der Stadt. Aus Angst vor Plünderungen war ein Aufgebot des Militärs auf den Straßen unterwegs, an diesem bedrückenden Zustand sollte sich die nächsten Tage und Wochen nur wenig ändern.

Foto: Tim Frodermann
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Ankunft in Port-au-Prince Nach oben hoch

In Port-au-Prince erreichten wir unser Quartier. Die Quisqueya Christian School sollte für die nächsten Wochen unsere Unterkunft sein. Das Schulgelände hatte eine Fläche von zwei Fußballfeldern und war von einer hohen Mauer umgeben. Auf dem Gelände befand sich ein zweistöckiges Gebäude mit einigen Klassenräumen, einem Sportfeld und einer Kantine mit Sitzmöglichkeiten im Freien.

Aufgrund der täglichen Nachbeben und der damit verbunden Angst, dass weitere Gebäude einstürzen könnten, zogen wir es vor, unter freiem Himmel zu schlafen. Unser Gepäck, das nur aus dem Nötigsten bestand, deponierten wir in den Klassenräumen. Vor dem Gebäude suchte sich jeder einen Fleck, auf dem er seine Isomatte mit Schlafsack ausbreiten konnte, um dann dort zu nächtigen.

Foto: Tim Frodermann
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Im Laufe der Tage wuchs die Anzahl der internationalen Helfer. Der Platz wurde immer knapper, dennoch fand jeder einen winzigen Ort zum Schlafen.

Das Krankenhaus Nach oben hoch

Noch am Tag meiner Ankunft wollte ich das Krankenhaus Espoir sehen, wo ich die nächsten Tage eingesetzt werden sollte. Eigentlich ist das Krankenhaus ein reines Geburtshaus, nun wurden hier die Wunden der Katastrophe versorgt. Prof. Dr. Dr. Bernd Domres und seinem Team gelang es den Klinikalltag zu organisieren. Die Patienten waren im Hof und im Altbau des Krankenhauses untergebracht. Das zweite Beben beschädigte den Neubau und den moderneren Operationssaal zu stark, als dass man ihn noch nutzen konnte.

Foto: Tim Frodermann
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Anfangs war die Situation in der Klinik für mich sehr gewöhnungsbedürftig. Der Standard der Räumlichkeiten, des medizinischen Materials und auch der Hygiene war in keiner Weise mit unseren vergleichbar. Die Patienten lagen auf Matratzen, Feldbetten oder Stofffetzen im Hof. Täglich wurden Schwerverletzte zum Espoir gebracht, transportiert auf Türen, Tischen oder auf Ladeflächen von Geländewagen. Wegen der großen Menge an Patienten, teilten wir sie nach der Schwere ihrer Verletzungen ein.

Foto: Tim Frodermann
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Täglich standen hunderte von Menschen vor der Klinik und wollten behandelt werden. Viele konnten wir in der Ambulanz versorgen. Wunden wurden gereinigt, gesalbt und verbunden, einfache Brüche gegipst und Medikamente wie Antibiotika und Schmerzmittel ausgegeben. Ein Teil der Menschen hoffte aber einfach nur auf die Zuteilung von Wasser, das in der Stadt äußerst knapp war. Die Schwerverletzten nahmen wir stationär auf. Wir rückten täglich Liegeplätze umher, um noch weitere Feldbetten unterzubringen.

Foto: Tim Frodermann
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Der Operationssaal war ca. 15 Quadratmeter groß und in keinem guten Zustand. Das Narkosegerät funktionierte nicht, und der OP-Tisch war ausgefranst. Anfangs hatten wir keine funktionierende Klimaanlage und das Licht flackerte. Behelfsweise operierten wir mit Stirnlampen. Als der Stromgenerator endlich lief, konnten wir immerhin unsere Instrumente im Autoklav sterilisieren und mussten sie nicht mehr per Hand reinigen. Das verschaffte uns wertvolle Zeit, in der wir uns um weitere Verletze kümmern konnten.

Krankenhausalltag Nach oben hoch

Neben den unzähligen Frakturen, die viele Haitianer durch das Beben erlitten hatten, stellten Quetschverletzungen einen Großteil der Krankheitsbilder dar. Unsere häufigste OP war das Anbringen eines externen Fixateurs, gefolgt von Amputationen.

Auch bei den Operationsinstrumenten mussten wir improvisieren. Die Knochen fixierten wir mit einem handelsüblichen Akkubohrer, die Bohrschrauben sterilisierten wir per Hand, das Gerät selbst reinigten wir so gut es ging und wickelten es in sterile Tücher.

Die Extension bei Oberschenkelbrüchen bastelten wir beispielsweise aus Kabeln oder Seilen und Steinen, anschließend haben wir die Konstruktion mit Fixierpflaster und Verband am Unterschenkel befestigt. Ein Team, das wenige Tage vor uns in Haiti angekommen war, war gezwungen eine Knochenamputation mit einer Zange durchzuführen. Da der Autoklav zu dem Zeitpunkt noch nicht funktionierte, wurden die Operationsinstrumente in Alkohol eingelegt. Narkosen für Operationen konnten anfangs nur mit Dormicum-Ketanest durchgeführt werden, später waren auch Spinalnarkosen möglich. An Vollnarkosen mit Intubation war nicht zu denken. Bei allen OPs atmeten die Patienten spontan. Es gab keine Absaugmöglichkeit und kein Monitoring zur Überwachung. Lediglich einen Beatmungsbeutel hatten wir für den Fall von Atemkomplikationen zur Hand.

Foto: Tim Frodermann
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Jeden Tag brachen wir um 7:45 Uhr aus unserer Unterkunft auf und waren gegen acht Uhr in der Klinik. Nach der morgendlichen Begrüßungsrunde fanden wir uns im Aufenthaltsraum zusammen, um eine kurze Andacht zu halten. Dann wurde der Tagesplan besprochen und eingeteilt, wer welche Aufgaben übernehmen sollte. Anschließend begann die Visite.

Neben den schwierigen Gegebenheiten mit denen man umgehen musste, galt es noch die Klinik gegenüber anderen NGOs zu ,,verteidigen“. Fast täglich trafen andere Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt ein. Grundsätzlich war selbstverständlich jede Hilfe nötig und willkommen, aber einige Hilfstrupps schienen eher an der Vermarktung ihrer Aktion als an wirklicher Unterstützung interessiert zu sein. So rückte ein US-amerikanisches OP-Team mit zwei Kameraleuten an, um eine Operation zu filmen und im Anschluss daran direkt wieder zu verschwinden. Gleichzeitig gab es aber auch hilfsbereite Ärzte, die ihre Unterstützung anboten. Diese nahmen wir natürlich gerne an.

Foto: Tim Frodermann
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Neben den Ops und der Arbeit in den Ambulanzen versorgten wir auch die Patienten auf den Stationen. Wir wechselten Verbände und säuberten die Wunden. Hier wurden operierte Patienten weiter betreut und die Wundheilung beobachtet. Die Pflege der Operierten übernahmen deren Angehörigen. Viele Mütter wichen ihren verletzen Kinder nicht von der Seite und schliefen nachts neben ihnen auf dem Boden.

Foto: Tim Frodermann
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Alle Verletzen und Angehörige waren trotz ihrer fürchterlichen Situation sehr ruhig und diszipliniert, selbst wenn sie mit einer offenen Fraktur oder anderen schweren Verletzungen eintrafen. Die Opfer der Katastrophe waren einfach froh, in der Obhut von Medizinern zu sein, obwohl sie zwischen Fliegen, unter Zeltplanen und bei sehr strengem Geruch Tage bis Wochen verharren mussten, bis sie endlich von uns behandelt werden konnten.

Der Tag geht zu Ende Nach oben hoch

Täglich mussten wir um 17:30 Uhr die Arbeit einstellen, damit wir vor 18:00 Uhr wieder im Lager sein konnten. Diese Uhrzeit war der Beginn der Sperrstunde, die das Militär aus Sicherheitsgründen erklärt hatte. Bevor ich ins Lager zurück kehrte, besuchte ich noch regelmäßig meine Patienten, um ihnen eine gute Nacht zu wünschen. Viele fragten, ob wir uns am nächsten Tag wieder sehen würden: ,,À demain?“. Wir hatten über die Tage und Wochen eine persönliche Beziehung zu den Patienten aufgebaut. Umso trauriger war es für mich, als ich am letzen tag die Frage verneinen musste.

Foto: Tim Frodermann
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Jeden Abend fuhren wir auf der Ladefläche eines Pick-Ups zurück in die Quisqueya Christian School . Dort trafen wir auf die anderen Teammitglieder. Neben dem Krankenhaus in Port-au-Prince betreute humedica eine ambulante Zeltklinik in Leogane. Diese Stadt lag noch näher am Epizentrum und war nahezu vollständig zerstört. Nach dem Abendessen genoss der ein oder andere eine Dusche, bevor es um 20.00 Uhr zum täglichen Briefing ging. Dort wurden die Besonderheiten des Tages besprochen und Organisatorisches für die nächste Zeit. Danach setzen wir uns regelmäßig zusammen und tauschten unsere persönlichen Erfahrungen aus.

Vom ersten Tag an lernten wir Helfer uns sehr gut kennen und wuchsen zu einem Team zusammen. Unsere Verpflegung war den Umständen entsprechend sehr gut. Morgens gab es Kaffee, Weisbrot mit Peanutbutter und Cornflakes mit Milch. Mittags aßen wir in der Klinik Weisbrot oder Kekse, abends wurden Bohnen und Reis gekocht. Mit Trinkwasser waren wir gut versorgt.

Foto: Tim Frodermann
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Nach zweieinhalb Wochen auf Haiti landete ich am 06. Februar 2010 wieder in Deutschland. Ein anderes humedica Team hatte nach zwei Tagen Einarbeitung die Versorgung übernommen. Insgesamt wird die NGO aus Kaufbeuren zwei Jahre vor Ort Hilfe leisten.

Die ereignisreichen Wochen werde ich wohl niemals vergessen. Die Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen gilt es jetzt zu verarbeiten. Inzwischen habe ich mich schon wieder an das Leben in Deutschland mit seinen ganz eigenen Problemen gewöhnt und bin froh wieder hier zu sein. Allerdings würde ich keine Sekunde zögern, mich wieder an einem Einsatz in Krisengebieten zu beteiligen.

Foto: Tim Frodermann
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Tim Frodermann ist Medizinstudent in Gießen.

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RE: Hilfe im Erdbebengebiet von Haiti

#2 von carlos , 17.05.2012 23:22

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