Zähne ziehen in Nairobi

#1 von carlos , 06.05.2012 22:48

Rohrbach. Es gibt Tage, an denen behandelt der Rohrbacher Zahnarzt Dr. Alexander Becker etwa 100 Patienten. Die nehmen dafür auch mal acht bis zehn Stunden Wartezeit in Kauf, damit der 36-Jährige sie von ihren Schmerzen befreit. Das bedeutet meistens: raus mit dem Zahn (Veröffentlicht am 05.05.2012)

Rohrbach. Es gibt Tage, an denen behandelt der Rohrbacher Zahnarzt Dr. Alexander Becker etwa 100 Patienten. Die nehmen dafür auch mal acht bis zehn Stunden Wartezeit in Kauf, damit der 36-Jährige sie von ihren Schmerzen befreit. Das bedeutet meistens: raus mit dem Zahn.

Es gibt nämlich Tage, da behandelt Alexander Becker gar keine Rohrbacher Patienten in seiner Gemeinschaftspraxis, sondern kenianische - und das vor Ort. Zwei, maximal dreimal pro Jahr fliegt Becker in das Land an der afrikanischen Ostküste. In einem Kinderheim vor den Toren der Hauptstadt Nairobi lässt er sich dann für etwa vier Tage nieder und arbeitet im Akkord - und zwar ehrenamtlich. Hinter dieser Aktion verbirgt sich der von Lufthansa-Piloten gegründete Cargo-Human-Care-Verein, der ein humanitäres und medizinisches Hilfsprojekt ins Leben gerufen hat. "Ich bin über einen meiner Patienten praktisch in diese Sache hereingerutscht", erinnert sich Becker. Dieser Patient, ein Berufspilot, fragte Becker, ob er nicht auch mal mit nach Kenia fliegen könne. Er konnte. Als wäre es erst gestern passiert, schildert Becker seine Erinnerungen von der Premiere im Dezember 2007. "Es war damals das erste Mal überhaupt, dass ich nach Schwarzafrika gereist bin. Und das pünktlich zur Hitzezeit. Gearbeitet haben wir in einer Wellblechhütte in einem Kinderheim für Aids-Waisen bei 45 Grad Außentemperatur." Etwas Flugangst nahm Becker ebenfalls mit auf die Reise. "Anfangs war ein leicht ungutes Gefühl da", gibt er zu. Schnell lernte er aber auch die Vorzüge eines Fluges mit einer Cargo-Maschine kennten. "Wenn die Piloten gut gelaunt sind, dürfen wir auch schon mal vorne im Cockpit fliegen." Mit wir meint Becker sich und seine Assistentin. Vier der fünf Zahnarzthelferinnen aus seiner Praxis haben ihn schon begleitet. Dieses Privileg genießen nur Zahnärzte. Die Hütte ist inzwischen dank Spendengeldern einem massiven Haus gewichen, das eine medizinische Abteilung erhalten hat.

Alexander Becker ist einer von fast 40 Ärzten, die diese ehrenamtliche Tätigkeit für Cargo-Human-Care ausüben. Neben ihm kümmern sich noch fünf weitere Zahnärzte um die Menschen. Sie werden von denselben Zahnkrankheiten geplagt wie die Menschen in Europa. "Sie leiden unter Karies, Paradontose oder zerstörten Backenzähnen weil sie sich meist nur mit Zahnhölzern die Zähne putzen und damit nicht in die Ecken kommen." Eine Zahnfüllung ist bei der Behandlung schon das höchste der Gefühle, Brücken, Kronen oder Prothesen werden nicht gesetzt. "Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Patient mit 20 zerstörten Zähnen zu uns gekommen ist und ohne wieder nach Hause musste - auf eigenen Wunsch." Hier gilt die Maxime: Hauptsache, die Schmerzen sind weg. "Wir haben häufig gar keine andere Wahl als die Zähne zu ziehen, weil wie den Patienten ja nicht sagen können, dass sie in drei, vier Tagen noch einmal wieder kommen sollen."

Weil nicht täglich ein deutscher Arzt vor Ort ist, greifen die Kenianer häufig zur Selbsthilfe. Dann ist die Rohrzange gefragt. "Wir müssen anschließend die Wurzeln von den abgebrochenen Zähnen entfernen", erklärt Becker. Das ist für ihn und seine Kollegen eine gefährliche Angelegenheit. "Grundsätzlich gehen wir zunächst davon aus, dass jeder Patient HIV-positiv ist." Deshalb arbeiten Becker und seine Kollegen mit speziellen Handschuhen Mundschutz und Kunststoff-Visier, befreien große und kleine, junge und alte Patienten von ihren fiesen Schmerzen. Aber nur bis zum Einbruch der Dunkelheit. "Dann müssen wir ins Hotel, weil die Kriminalitätsrate dort immer noch sehr hoch ist." Bis jetzt ist Alexander Becker aber stets gesund und sicher wieder auf deutschem Boden gelandet. Und mit ihm das Gefühl, armen Menschen geholfen zu haben.

Den Tipp für den Artikel bekamen wir von Leser-Reporter Lothar Becker aus Oberwürzbach. Haben auch Sie Spannendes zu erzählen und Fotos gemacht? Melden Sie sich als Leser-Reporter per E-Mail an leser-reporter@sol.de.

"Grundsätzlich gehen wir zunächst davon aus, dass jeder Patient HIV-positiv ist."

Dr. Alexander Becker, Zahnarzt

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RE: Zähne ziehen in Nairobi

#2 von carlos , 06.05.2012 22:48

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