als Zahnarzt nach Norwegen

#1 von carlos , 27.06.2010 10:47

Deutschland - ein Auswandererland
..so titelt die Berliner Morgenpost:
Als die Kraft dieses Sommers, den die Norweger als Jahrhundertereignis in ihre Geschichtsbücher einschreiben werden, nachließ, befiel Michael Kellner die Schwermut. Dabei lebte er inmitten seines Traums.
Aus seinem Haus auf einer Insel in Fosnavåg an der norwegischen Westküste blickte er auf Berge, gegen die das Meer brandet; Schnee lag auf den Gipfeln, sattes Grün wogte bis an die Küste. "Doch", sagt Michael Kellner mit fast theatralischem Seufzen, "alle Berge waren bestiegen, alle Fjorde durchwandert, alle Fische gefangen." Das Abenteuer war Alltag geworden. Endlich packte der 29 Jahre alte Zahnarzt seinen unbefristeten Arbeitsvertrag in die Tasche und fuhr in die Klinik. Den Platz für seine Unterschrift beließ er weiß.
Seit zwei Wochen ist Michael Kellner wieder zu Hause in Laaber in der Oberpfalz. Als er vor einem Jahr die Fähre bestieg, dachte er nicht an Rückkehr - so wie viele der 161 000 deutschen Auswanderer des Jahres 2007. Seit den Fünfzigern war ihre Zahl nicht mehr so hoch, meldet der Migrationsbericht des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, der gerade veröffentlicht wurde. Die meisten Deutschen gingen in die Schweiz (23 000), die USA (14 000), Österreich (11 000) und Polen (10 000).
100 000 Deutsche kehrten 2007 zurück
Die Hälfte der Emigranten ist zwischen 25 und 50 Jahre alt. Ihre Erwartungen an ein höheres Einkommen, einen sozialen Neuanfang oder das große Abenteuer erfüllen sich aber nur selten. 2007 kehrten deshalb 100 000 Deutsche zurück.
Vor allem an Mittwochen merkte Michael Kellner, was ihm fehlte: "Wenn abends im Radio die Champions League übertragen wurde, konnte ich es nicht ertragen, kein Bild zu sehen. In Norwegen spielt Fußball kaum eine Rolle." So deutsch kannst du doch gar nicht sein, habe er dann beschämt gedacht. Auch in der Arbeit merkte er schnell, dass er anders tickte als die norwegischen Kollegen. Dabei hatte sich der junge Arzt von dem Job in einer staatlichen Zahnklinik bei Ålesund viel versprochen.
Eineinhalb Jahre zuvor, Michael Kellner hatte gerade sein Studium beendet, las er in den "Zahnärztlichen Mitteilungen" ein Inserat. Norwegen suchte Leute wie ihn. Von Steuererleichterung war die Rede, von 36-Stunden-Woche, von einem Grundgehalt von 5000 Euro - dem Doppelten eines Berufseinsteigers hierzulande. Kellners Neugier war geweckt. Ein Lebenslauf in englischer Sprache mit Foto und Kopien der Zeugnisse, mehr wurde nicht verlangt. Schon Ende April traf er in Hamburg ein, zum Informationstag der Fylker, der norwegischen Regierungsbezirke. "Ich hatte sofort das Gefühl, dass man wirklich an mir interessiert war", sagt Kellner, der sich für die Fylke Møre og Romsdal an der Westküste entschied. Die Skandinavier finanzierten ihm schließlich einen dreimonatigen Sprachkurs in Berlin und den Umzug nach Fosnavåg.
In Norwegen leiden viele Regionen unter der Abwanderung der Bevölkerung. Es ist eine Situation ähnlich der in Ostdeutschland, wo die ärztliche Versorgung längst nicht mehr flächendeckend ist. Doch während dort mittlerweile Gemeindeschwestern die Arbeit von Medizinern übernehmen, wirbt Norwegen massiv um ausländische Ärzte.
Emigranten sind meist gut ausgebildet
Kirsti Lumban-Tobing vermittelt etwa 30 Deutsche pro Jahr. "Deutsche sind in Norwegen als Fachkräfte geschätzt", sagt sie. Bessere Bezahlung, vor allem aber die Aussicht auf weniger Stress lockten die Zuwanderer. Zwei Drittel derjenigen, die Lumban-Tobing über die Jahre nach Norwegen holte, blieben. Laut Bundesärztekammer verließen 2007 insgesamt rund 2500 Ärzte Deutschland. Vor sechs Jahren waren es noch 1000 weniger.
"Die Mehrzahl aller deutschen Emigranten ist gut ausgebildet", sagt Steffen Wiegmann vom Auswandererhaus in Bremerhaven. Wer dagegen Fernsehsendungen wie "Mein neues Leben (XXL)" oder "Goodbye Deutschland!" guckt, gewinnt den Eindruck, als zögen eher die einfachen, gar die einfältigen Menschen fort. "Fernsehleute gestanden mir, dass sie Leute auswählen, die viele Probleme verursachen" sagt Wiegmann.
Auswanderung ist in den Köpfen der Zuschauer als dramatischer, abenteuerlicher und vor allem endgültiger Schritt gespeichert. Doch das One-Way-Ticket nach Übersee ist heute nur noch Klischee. Auswanderung ist ein kalkulierter Prozess geworden aus Abschied, Wiedersehen und erneutem Abschied.
Auch Michael Kellners Weggang war wohl organisiert. Norwegen erlebte er als Land, das keine Eile kennt - leider: "Ich vermisste bald Tempo, Druck, fühlte mich irgendwann wie gelähmt. In der Klinik konnte ich nach jeder Behandlung Kaffeepause machen." Um 15.15 Uhr war Kellners täglicher Dienst zu Ende, doch die Sommersonne schien bis Mitternacht. Begeistert, fast obsessiv kletterte Kellner auf Berge, berauschte sich an der norwegischen Natur - und langweilte sich in der Klinik umso mehr. "Ich hatte Angst vor dem Stillstand, wollte mich medizinisch weiterentwickeln", sagt er. Seine Chefin bemerkte die Zweifel, redete auf ihn ein, bis März zu bleiben, zumindest bis Weihnachten. Mitte Oktober aber gab Kellner ihr den Vertrag zurück. "Sie war enttäuscht, aber ich war es nicht. Ich passte einfach nicht in dieses System", sagt er.
In ein paar Wochen will Michael Kellner in einer Praxis in München anfangen. Aber auf Dauer hier bleiben? Michael Kellner blättert durch die neue Ausgabe der "Zahnärztlichen Mitteilungen". "Zahnarzt in Dubai - Profi-Auswandererhilfe", liest er gedankenverloren. "Hm, da muss ich mal anrufen." weitere Texte zum Thema "als Zahnarzt auswandern findet man im zahniforum.tk

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RE: als Zahnarzt nach Norwegen

#2 von carlos , 27.06.2010 10:49

Warum so viele Ärzte Deutschland verlassen

http://www.welt.de/wirtschaft/article129..._verlassen.html

Deutschlands Mediziner klagen über schlechte Bedingungen ihrer Arbeit. Laut Berufsverbänden verlassen deshalb immer mehr Ärzte ihre Heimat. Ein Zahnarzt berichtet auf WELT ONLINE, warum er in einer norwegischen Kleinstadt ein neues Leben anfängt.

Land der besseren Möglichkeiten: Viele Ärzte aus Deutschland erwägen, nach Norwegen auszuwandern
Foto: Picture-Alliance Land der besseren Möglichkeiten: Viele Ärzte aus Deutschland erwägen, nach Norwegen auszuwandern

von Thomas Vitzthum

Als Norweger geht Michael Kellner jetzt schon durch. Die blonden Haare, das rollende bayerische R, das auch das Norwegische kennt, das Funktionsjacken-Outfit: Wenn er norwegischen Boden betritt, wird der junge Zahnarzt aus Regensburg gleich dazu gehören. Dafür haben auch die Behörden des skandinavischen Landes gesorgt. Qualifizierte Einwanderer wie der 28-Jährige werden mit offenen Armen empfangen.

Deutschland tut sich dagegen schwer, wenn es um die Anwerbung ausländischer Spezialisten geht. Die aktuelle Diskussion um die Einführung der Blue Card zeigt es: Die Angst vor einer Überforderung des heimischen Arbeitsmarkts ist größer als die Vernunft. Längst fehlen der Industrie Ingenieure und Computer-Spezialisten. Auch von Medizinerschwemme kann nicht mehr die Rede sein. „In den nächsten Jahren werden viele Ärzte in Pension gehen, dann wird es sich rächen, dass zu wenig in die universitäre Ausbildung und in die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Ärzte investiert wurde“, sagt Günter Kau, Präsident des Bundesverbandes der Allgemeinzahnärzte.

Michael Kellner erinnert sich nicht gern an sein Studium in Regensburg. „Als Student bist du in der Klinik der letzte Depp. Die Professoren sind kritikunfähig und herrschsüchtig, dabei fachlich oft nicht einmal fit. Als Assistenzarzt ergeht es einem später genauso.“ Bald nach seinem Abschluss im vergangenen November hat sich Kellner überlegt, wie er ausbrechen könnte. Im März 2007 las er in den „Zahnärztlichen Mitteilungen“ ein Inserat. Norwegen suchte Leute wie ihn.

Doppelt so viel Gehalt wie in Deutschland

Von Steuererleichterung war die Rede, von 36-Stunden-Woche, Nebenverdienstmöglichkeiten, von einem Grundgehalt von 5000 Euro – das Doppelte eines Berufseinsteigers hierzulande. Seine Abenteuerlust und Neugier war geweckt. Ein Lebenslauf in englischer Sprache, Foto und Kopien der Zeugnisse, mehr war nicht verlangt. Schon Ende April wurde er mit 20 anderen nach Hamburg eingeladen, zum Informationstag mit Vertretern der Fylker. So heißen in Norwegen die Regierungsbezirke. „Ich hatte das Gefühl, dass man wirklich an mir interessiert war. Besonders die Vertreterin der Finnmark im höchsten Norden legte sich mächtig ins Zeug. Noch heute bekomme ich E-Mails von ihr, in denen es heißt: Wenn Sie kommen, kriegen Sie den Lohn, den Sie sich wünschen“, sagt Kellner.

Viele Regionen in Norwegen leiden unter der Abwanderung der Bevölkerung. Es ist eine Situation ganz ähnlich derjenigen in Ostdeutschland. Nur sind die natürlichen Bedingungen in Norwegen krasser. Ein halbes Jahr herrscht in der Finnmark absolute Dunkelheit. Doch Norwegen tut alles, um den Menschen in diesen Gebieten ausreichende medizinische Versorgung zu bieten, auch deshalb wird um deutsche Zahnärzte geworben.

Michael Kellner hat sich aber doch nicht für die Finnmark entschließen können. Die Fylke Møre og Romsdal ist es geworden. Die Region liegt an der Westküste. Dort gibt es Fjorde, Meer und Berge, wovon sich Kellner während eines dreitägigen finanzierten Besuchs überzeugen konnte. „Ich liebe es, auf Berge zu steigen. Gleich hinter der Küste beginnt das Gebirge. Außerdem mochte ich die kleine Klinik bei der Stadt Ålesund und fühlte mich gut aufgehoben. Die Zusage fiel mir am Ende leicht.“

Auch erfahrene Ärzte verlassen Deutschland

Es sind längst nicht nur Berufsanfänger wie er, die Deutschland verlassen. „Die größte Altersgruppe stellen Leute zwischen 30 und 35 Jahren. Wir haben aber auch erfahrene Ärzte um die 40 im Programm“, sagt Kirsti Lumban-Tobing, die im Auftrag des norwegischen Staats die Mediziner warb. „Die Flucht vor Stress ist eine der am häufigsten genannten Motivationen, warum jemand zu uns kommt. Wir sagen den Ärzten von Anfang an, dass sie sich für Behandlungen die Zeit nehmen sollen, die sie brauchen.“ Manche haben die Möglichkeit, Klinikräume anzumieten, um außerhalb ihrer gesetzlichen Zeiten Privatpatienten zu versorgen.

Was die Leute hält, ist auch das kollegiale Umfeld, egal ob Arzt oder Helferin, alle duzen sich. Pro Jahr vermittelt Kirsti Lumban-Tobing etwa 30 Deutsche nach Norwegen. „Deutsche sind als Fachkräfte geschätzt.“ 75 Prozent derjenigen, die sie im Laufe der Jahre nach Skandinavien holte, blieben. Von seinen Kollegen hat Michael Kellner nur Positives gehört: „Ich habe sechs deutsche Zahnärzte getroffen. Viele dachten, sie bleiben nur ein, zwei Jahre. Doch die Frau, die am kürzesten in Norwegen ist, lebt dort jetzt auch schon über vier Jahre.“

Am 26. Oktober beendet Michael Kellner seinen Norwegisch-Kurs in Berlin. Unterkunft, Sprachschule, Lebensunterhalt, alles wurde gezahlt. In einer Woche geht die Fähre. Seine Wohnung liegt am Wasser, so wie er es sich gewünscht hat, in einer Kleinstadt namens Fosnavag. 3000 Menschen leben auf der Insel, die über eine Brücke mit dem Festland verbunden ist. Aus seinem Zimmer blickt Michael Kellner aufs Meer.

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