Senegal Zähne ziehen wie am Fließband

#1 von carlos , 28.12.2010 21:58

„Morgens und abends Zähneputzen nicht vergessen!“ Dieser Satz gehört wohl zu den Ermahnungen, die Kinder immer wieder hören. Zumindest bei uns zulande. In Afrika sieht es oftmals anders aus. „Selbst viele erwachsene Menschen haben dort noch nie eine Zahnbürste in der Hand gehabt“, sagt der Osnabrücker Zahnarzt Dr. Marc Lamek. Knapp zwei Wochen war er in diesem Jahr im westafrikanischen Senegal, um die Bevölkerung dort von starken bis unerträglichen Zahnschmerzen zu befreien.

„Ein Präventionsbewusstsein, so wie wir es hier von klein auf kennen, ist dort gar nicht vorhanden“, berichtet der Zahnmediziner. Ärzte seines Fachbereichs seien in Afrika allenfalls in den wohlhabenden Regionen oder in den großen Städten bekannt. In Armenvierteln lebten die Menschen oftmals über mehrere Jahre mit riesigen Löchern in ihren Zähnen – und natürlich auch mit den damit verbundenen Schmerzen.

„Es ist unfassbar und erschütternd, was man da sieht“, sagt Lamek. Für ihn war es der erste Hilfseinsatz dieser Art, den er ehrenamtlich im Ausland geleistet hat. Sein neunjähriger Sohn Luca hatte ihn auf die Idee gebracht: „Er kam nach Hause und fragte mich, ob ich nicht mit seinem Lehrer nach Afrika gehen wolle, um zu helfen.“ Sein Sohn besucht die Albert-Schweitzer-Schule in der Dodesheide und sein Lehrer heißt Lars Poppenburg. Im Zusammenhang mit Hilfsaktionen für Afrika ist sein Name in der Stadt bekannt: Poppenburg engagiert sich bereits seit mehreren Jahren für das senegalische Dorf Souda. Mithilfe vieler privater Spender hat er dort in den vergangenen Jahren nicht nur eine Schule, sondern auch eine Krankenstation bauen lassen.
Auf Gartenstühlen

Bei seinen Besuchen fiel ihm immer wieder nicht nur das Bildungsproblem auf, das in fast allen Armenvierteln der Welt auftritt. Die große medizinische Unterversorgung regte den 34-Jährigen an, auch in diesem Bereich etwas für die Menschen zu tun. So kam er auf die Idee, dass der Vater eines seiner Schüler, eben Dr. Marc Lamek, mit ihm nach Afrika reisen könnte, um den Bewohnern zahnmedizinische Hilfe zu leisten.

„Ich habe die Praxis hier in Osnabrück zwei Wochen geschlossen und bin mit Lars Poppenburg nach Afrika geflogen“, berichtet Lamek. Was er dort erlebt und auch geleistet hat, habe er bis heute nicht vollständig realisiert. In einem provisorisch eingerichteten Behandlungszimmer habe er jeweils drei Menschen zeitgleich auf Garten-stühlen behandelt. Während bei den einen noch darauf gewartet werden musste, dass die Betäubung wirkt, wurden die Zähne bei den nächsten Patienten bereits gezogen.

Um andere Behandlungsmethoden als das Ziehen der Zähne habe er sich gar keine Gedanken mehr machen müssen, merkt Lamek an. Denn die zahlreichen Löcher, mit denen die afrikanischen Patienten zu ihm kamen, waren meist schon so groß, dass Füllungen schlichtweg keinen Sinn mehr gemacht hätten. Pro Tag versorgte er rund 30 bis 40 Patienten. Jedem Patienten mussten in der Regel mindestens zwei oder drei Zähne gezogen werden. „Man kann schon sagen, dass es am Tag durchaus 100 Zähne waren“, sagt der Osnabrücker Zahnarzt und fügt hinzu: „So viele ziehe ich hier nicht mal in einem Jahr.“
Stifte im Gepäck

Dass ein Deutscher kommt, der helfen wird, hatte sich in dem senegalischen Dorf bereits lange vor Lameks Ankunft rumgesprochen. „Auch weit über die Dorfgrenzen hinaus“, erzählt er lächelnd. Sogar aus dem Nachbarland Gambia waren Menschen gekommen, um sich behandeln zu lassen. Viele hätten außer ihren Zahnbeschwerden andere Arten von Erkrankungen und Schmerzen gehabt. Auch für die hatte er sich gerüstet und entsprechende Medikationen zur Grundversorgung mit nach Afrika gebracht. Für Kinder hatte er außer mehreren Hundert Zahnbürsten und Zahnpasta auch Schulhefte und Stifte im Gepäck. Denn: „Wer keine Stifte und kein Papier hat, darf nicht am Unterricht teilnehmen.“

Den Osnabrücker Zahnarzt und Familienvater bewegt bis heute die große Armut, die er zu Gesicht bekommen hat, ebenso wie die große Lebensfreude und Zufriedenheit, die die Menschen dabei ausstrahlten. „Die Leute sind zufrieden, Neid oder Missgunst gibt es nicht“, sagt Lamek. Er lobt auch die große Hilfsbereitschaft der jungen Bevölkerung Soudas. Denn sie haben bei den Behandlungen fleißig mitgeholfen, ihm assistiert und es so ermöglicht, dass überhaupt so vielen Menschen pro Tag geholfen werden konnte.

Auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, einen Hilfseinsatz dieser Art noch mal durchzuführen, antwortet Dr. Mark Lamek sofort mit „ja“. „Man sieht dort einfach, dass der Bedarf da ist – und das sicher auch noch in anderen afrikanischen Ländern.“

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