Zahnärztlicher Einsatz für „Ärzte für die Dritte Welt“ in Ocotal

#1 von carlos , 12.12.2010 17:21

Humanitäres Engagement in Nicaragua

Zwölf Stunden Flug von Frankfurt über Atlanta nach Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, waren problemlos. Der Flug ruhig, nur der Sitz war eng und unbequem. Aber das Abenteuer Einsatz für die „Dritte Welt“ verschaffte mir Adrenalin pur. Was wird mich erwarten, welche Schwierigkeiten müssen bewältigt werden? Habe ich eine komplette zahnärztliche Einheit? Ist der ärztliche Kollege aus Deutschland vor Ort umgänglich? Reichen meine spanischen Sprachkenntnisse aus? Viele Dinge schwirren mir durch den Kopf. Am Flughafen habe ich übernachtet. In der Dunkelheit ist es als Europäer nicht ratsam durch die Straßen zu schlendern.

Am nächsten Morgen. Die Fahrt von Managua nach Ocotal, entlang der Transamericana ist ein Erlebnis, die Landschaft ungewohnt. Man durchfährt alle Vegetationszonen des Landes: Viehweiden, dann Maisanbau, Tabak, sogar Weinbau bis hin zu Kaffeeplantagen ziehen an meinem Auge vorbei. Dazu Bohnenanbau soweit das Auge reicht. Diese sind ein Grundnahrungsmittel für die bedürftige Bevölkerung. Die Stadtviertel am Rand von Ocotal, einer Kleinstadt im Norden Nicaraguas, sind durch ihre ungünstige Hanglage ganz besonders von den starken Regenfällen der Region betroffen. Meist wohnen hier allein erziehende Mütter mit mehreren Kindern in selbst errichteten, notdürftigen Holzhütten mit Plastikplanen als Dachkonstruktion. Diese Planen halten allerdings den starken Regenfällen nicht stand und bieten somit keinen Schutz für die Bewohner.

Überraschende Unterkunft. In Ocotal angekommen, bin ich doch überrascht: Ich finde eine saubere Unterkunft mit eigener Dusche, Toi­lette und sogar einem Kühlschrank vor. Ich bin beruhigt. Ein Ventilator an der Decke erleichtert mir die Nächte. Wunderbar. Denn die Nächte bei Temperaturen über 30 Grad sind nicht lang. Ein vorsorglich über dem Bett angebrachtes Moskitonetz beruhigt mich zusätzlich. Der vorhandene Internetanschluss ist meine Verbindung nach Hause, Luxus pur, wenn er denn überhaupt funktioniert. Im Innenhof meiner Wohnung für die nächsten sechs Wochen finde ich einen Pavillon vor. Früh stehe ich auf, um den Kaffee im „ciosco“ zu genießen. Auch fällt es hier nicht schwer, mit meinem ausgesprochen netten ärztlichen Kollegen ein kleines Abendessen zuzubereiten. Wenn wir spät vom Einsatz zurückkommen, gehen wir manchmal essen. In der Umgebung finden wir saubere, kleine Restaurants, die für jeden Geschmack etwas zu bieten haben. Von Montag bis Freitag wird morgens vom zuverlässigen Fahrer Milton der Pick-up gepackt. Spätestens um acht Uhr geht es los. Die Crew besteht aus unserem Fahrer, einer Apothekenfachkraft, Arzthelferin, Zahnarzthelfer, sowie uns beiden: Allgemeinmediziner und Zahnarzt.

Die Sprechstunden. Im unterschiedlichen Rhythmus werden die verschiedenen Bergregionen rund um Ocotal angefahren. Die Anfahrt dauert zwischen ein und zwei Stunden und ist oft sehr beschwerlich und anstrengend. Die „consulta“ findet in einer Schule, einer Base-Station oder bei einem „patron“ statt.

Bevor die eigentlichen Behandlungen beginnen, erhalten die Patienten einfache Unterweisungen in Hygiene, z.B. Wasser abkochen. Zudem bekommen sie Erklärungen zur Körperhygiene, Verhütungsmethoden und Impfmaßnahmen. Ich habe versucht, die Bewohner auch zur Mundhygiene anzuleiten und die Zusammenhänge zwischen zerstörten Zähnen und Allgemeinerkrankungen aufzuzeigen.

Zuerst wird der Behandlungsstuhl aufgebaut. Immer der Sonne entgegen, um wenigstens etwas Sicht auf und in den Mund zu haben. Dann werden die (zahn-)ärztlichen Instrumente gerichtet, die ausreichend vorhanden sind. In den Bergen wird ausschließlich extrahiert. Die Menschen, die hier wohnen, wollen und erwarten auch nichts anderes. Alle sind dankbar für unseren Einsatz. Oft nehmen sie deswegen zwei bis drei Stunden beschwerliche Fußmärsche auf sich. Am Tag haben wir zwischen 18 und 58 Patienten behandelt. Oft habe ich vier oder fünf Patienten ein Lokalanästhetikum gespritzt und die Patienten der Reihe nach zahnärztlich versorgt.

Prophylaxe nötig. Die Zusammenarbeit mit dem Allgemeinmediziner Christoph Fauser aus Murrhardt war hervorragend und vertrauensvoll. Vielleicht auch deswegen, da ich ihm die Zusammenhänge zwischen zerstörten Zähnen und Allgemeinerkrankungen vermitteln konnte. Ich war stolz, dem Allgemeinmediziner eine praktische und kostenlose Uni-Vorlesung wiederholen zu dürfen!

Die Kinder hier haben in der Regel eine verheerende Gebisssituation. Übermäßiger Zuckergenuss ist auch hier die Hauptursache. Deswegen habe ich mit den Mitarbeitern versucht, eine Prophylaxereihe aufzubauen. Jedes behandlungswillige Kind bekommt eine neue Zahnbürste. Ich behandle aber nur Kinder, die wirklich wollen und Mut dazu haben. Die Ängste der kleinen Patienten sind hier genauso groß wie bei uns in Deutschland.

Zusätzlich gibt es noch die Sprechstunde in unserer Basisstation. Ein Behandlungsstuhl von 1942 ohne Absaugung ist vorhanden. Der Turbine rede ich gut zu, damit sie sich überhaupt dreht. Aber es gibt eine OP-Lampe. Mit viel Geduld und Kompromissen kann ich Amalgamfüllungen und kleine Kompositfüllungen legen. Hier erinnert mich vieles an den ersten Kons-Kurs an der Uni. Der Andrang von Patienten ist riesig. Täglich 40 bis 50 Patienten sind üblich. In den sechs Wochen meines Einsatzes habe ich ungefähr 800 Patienten untersucht, dabei etwa 1.400 Zähne extrahiert und manchem Patienten dadurch geholfen.

Am Wochenende bleibt Zeit für Ausflüge in die Umgebung. Ich habe sie immer mit dem Bus unternommen. So kommt man mit der Bevölkerung in Kontakt. Hier übe ich mein Spanisch und verbessere meine Sprachkenntnisse. Denn die Menschen in dieser Region sprechen und verstehen kein Englisch. Mein Fazit: Der Einsatz ist und war lohnenswert. Er macht einem auch bewusst, dass wir hier in Deutschland auf hohem Niveau jammern. Denn die Einwohner dieser Region kämpfen täglich um ihr Brot und ihre nackte Existenz, vor allem wegen langer Trockenperioden, wenn die Saat unter der erbarmungslosen Sonne verdorrt.

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MEDICO: Aid to villages for 20 years
Zahnärzte gesucht für Ocotal

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