Inseln sind merkwürdige Gebilde – Hispaniola erst recht

#1 von carlos , 24.01.2022 16:39

Als «Mallorca der Karibik» wird es betitelt, das Ferienziel für Freunde von All-inclusive-Buffets, Sandstränden und azurblauen Wellen. Trotz Corona hat die Dominikanische Republik im vergangenen Jahr Rekordzahlen geschrieben.
Die ganze Welt des Tourismus ächzt unter Corona. Die ganze Welt? Nein, eine Destination in der Karibik hat sich von der Pandemie nicht aufhalten lassen. Sie hat nach einem kleinen Einbruch 2020 im letzten Jahr sogar Rekordzahlen geschrieben: die Dominikanische Republik. Während Flüge nach Kuba oder Jamaica während Corona markant zurückgegangen sind, wurden alleine im Dezember 15 Prozent mehr Flugtickets für die Dominikanische Republik gebucht. Bis Ende 2021 kamen fast fünf Millionen Gäste.
Das Land ist ein Paradies für Freunde von All-inclusive-Buffets, Sandstränden und azurblauen Wellen. «Reif für die Insel» ist, wer hierherkommt auf der Suche nach Freiheit und zwei Wochen Auszeit vom Alltag. Dass die Dominikanische Republik ihre Karten ganz auf die Besucher setzt und mit einer Charmeoffensive um diese wirbt, ist vor allem Pragmatismus. Laut Regierungsvertretern sind hier über 90 Prozent der Angestellten im Tourismussektor geimpft, in den Hotels herrscht Maskenpflicht, das tropische Klima soll sein Übriges tun gegen die Virenverbreitung.
Eine Insel, zwei Kulturen

Landeanflug auf Punta Cana, ganz im Osten der Insel. Während der Airbus das Karibische Meer überfliegt, die Stewardessen die Pappbecher abräumen und draussen undurchdringliche Nacht heraufdämmert, leuchtet in der Kabine der Umriss von Hispaniola auf den Bildschirmen.

Inseln sind eigenartige, zweideutige Gebilde mit ihren eigenen Gesetzen und Stimmungen, fernab der übrigen Welt. Sie schaffen eine Verbindung von Erde und Wasser, vereinen das Land und die See. Ebenso könnte man sagen: Inseln trennen die Gegensätze. Inseln sind Sehnsuchts- und Zufluchtsorte. Fast so, als würden die Uhren mitten im Wasser anders ticken.
200 Kilometer
Kartengrundlage: © Openstreetmap, © Maptiler
NZZ / sm.

Hispaniola ist eine besonders bemerkenswerte Insel. Hier haben sich die Gräben zwischen einheimischer Tradition und modernem Tourismus, zwischen den Verlierern und den Profiteuren der Globalisierung deutlich manifestiert. Auf der kleineren, westlichen Seite liegt Haiti, ein bitterarmes Land, von der Natur durch Erdbeben, Überschwemmungen und Wirbelstürme ebenso geplagt wie von Gewalt und Korruption. Die politische Lage in diesem in vieler Hinsicht verlorenen Staat ist äusserst instabil, nicht erst seit letzten Juli Präsident Jovenel Moïse unter bis heute ungeklärten Umständen erschossen wurde. Auf dem Human-Development-Index von 2020 belegt Haiti Platz 170 von 189.

Ganz anders hingegen präsentiert sich der östliche Nachbar, die Dominikanische Republik. Sie nimmt den Löwenanteil einer Fläche ein, die nur wenig grösser ist als Bayern. Von einem Brudervolk kann keine Rede sein: Zwei Kulturen bewohnen das einstmals fruchtbare Hispaniola, mit unterschiedlichen Sprachen, Tänzen, Sportarten. Durch die gewalttätige, zumeist von Grossmächten bestimmte Geschichte wurden sie noch weiter getrennt. Während die eine Hälfte der Insel Hunger leidet, wird die andere von Charterflügen voller partyfreudiger westlicher Touristen angesteuert.

«Ah, du fliegst auf das Mallorca der Karibik?», bekommt zu hören, wer auf die Dominikanische Republik reist. Das ist eine der Vorstellungen, die dem Land zuweilen vorauseilen: Karibikfeeling, aber nicht zu teuer und manchmal ein bisschen grell, Sand, Saufen und Sextourismus in der Sonne. Unschön abgekürzt: «Dom Rep». Doch das Image vom schnellen Massentourismus will das Land ablegen. Qualität und Zuverlässigkeit sollten sich etablieren, sagt Carlos, der optisch der Zwillingsbruder des «The Fast and the Furious»-Schauspielers Vin Diesel sein könnte. Er ist vor Ort für das Tourismusministerium des Landes tätig.

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RE: Inseln sind merkwürdige Gebilde – Hispaniola erst recht

#2 von carlos , 24.01.2022 16:40

Hispaniola ist eine besonders bemerkenswerte Insel. Hier haben sich die Gräben zwischen einheimischer Tradition und modernem Tourismus, zwischen den Verlierern und den Profiteuren der Globalisierung deutlich manifestiert. Auf der kleineren, westlichen Seite liegt Haiti, ein bitterarmes Land, von der Natur durch Erdbeben, Überschwemmungen und Wirbelstürme ebenso geplagt wie von Gewalt und Korruption. Die politische Lage in diesem in vieler Hinsicht verlorenen Staat ist äusserst instabil, nicht erst seit letzten Juli Präsident Jovenel Moïse unter bis heute ungeklärten Umständen erschossen wurde. Auf dem Human-Development-Index von 2020 belegt Haiti Platz 170 von 189.

Ganz anders hingegen präsentiert sich der östliche Nachbar, die Dominikanische Republik. Sie nimmt den Löwenanteil einer Fläche ein, die nur wenig grösser ist als Bayern. Von einem Brudervolk kann keine Rede sein: Zwei Kulturen bewohnen das einstmals fruchtbare Hispaniola, mit unterschiedlichen Sprachen, Tänzen, Sportarten. Durch die gewalttätige, zumeist von Grossmächten bestimmte Geschichte wurden sie noch weiter getrennt. Während die eine Hälfte der Insel Hunger leidet, wird die andere von Charterflügen voller partyfreudiger westlicher Touristen angesteuert.

«Ah, du fliegst auf das Mallorca der Karibik?», bekommt zu hören, wer auf die Dominikanische Republik reist. Das ist eine der Vorstellungen, die dem Land zuweilen vorauseilen: Karibikfeeling, aber nicht zu teuer und manchmal ein bisschen grell, Sand, Saufen und Sextourismus in der Sonne. Unschön abgekürzt: «Dom Rep». Doch das Image vom schnellen Massentourismus will das Land ablegen. Qualität und Zuverlässigkeit sollten sich etablieren, sagt Carlos, der optisch der Zwillingsbruder des «The Fast and the Furious»-Schauspielers Vin Diesel sein könnte. Er ist vor Ort für das Tourismusministerium des Landes tätig.
Das Land ist ein Paradies für Freunde von All-inclusive-Buffets, Sandstränden und azurblauen Wellen. «Reif für die Insel» ist, wer hierherkommt auf der Suche nach Freiheit und zwei Wochen Auszeit vom Alltag. Dass die Dominikanische Republik ihre Karten ganz auf die Besucher setzt und mit einer Charmeoffensive um diese wirbt, ist vor allem Pragmatismus. Laut Regierungsvertretern sind hier über 90 Prozent der Angestellten im Tourismussektor geimpft, in den Hotels herrscht Maskenpflicht, das tropische Klima soll sein Übriges tun gegen die Virenverbreitung.
Eine Insel, zwei Kulturen

Landeanflug auf Punta Cana, ganz im Osten der Insel. Während der Airbus das Karibische Meer überfliegt, die Stewardessen die Pappbecher abräumen und draussen undurchdringliche Nacht heraufdämmert, leuchtet in der Kabine der Umriss von Hispaniola auf den Bildschirmen.

Inseln sind eigenartige, zweideutige Gebilde mit ihren eigenen Gesetzen und Stimmungen, fernab der übrigen Welt. Sie schaffen eine Verbindung von Erde und Wasser, vereinen das Land und die See. Ebenso könnte man sagen: Inseln trennen die Gegensätze. Inseln sind Sehnsuchts- und Zufluchtsorte. Fast so, als würden die Uhren mitten im Wasser anders ticken.

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RE: Inseln sind merkwürdige Gebilde – Hispaniola erst recht

#3 von carlos , 24.01.2022 16:42

Alles auf die Besucher setzen

Der Flughafen von Punta Cana, Ankunftsort für Flüge aus Zürich, wirkt nicht unbedingt so, als sei er Menschenmassen gewohnt. In der einzigen Halle für alle Gates schiebt ein schmaler Deckenventilator die gestaute Nachtluft noch weiter zusammen. Nur zwei von den wenigen Läden haben spät noch geöffnet, ein Duty-free-Geschäft und eine Pizzeria. Bis zum Weiterflug ins nördliche Puerto Plata dauert es eine ganze Weile, es vergeht eine halbe Stunde, eine Stunde. Dann erst gelangen die Passagiere ausserhalb des Terminals, wo sie sich in einer Reihe aufstellen müssen, ehe Drogenhunde das Gepäck beschnüffeln.
Die Insel ist eine gute Lehrmeisterin für Geduld, manchmal hilft nur Warten, um ans Ziel zu gelangen. Die Hitze lähmt, die Menschen sitzen oder stehen vor den Häusern, manche regungslos wie Leguane, die ihre Umgebung beobachten. Dabei kann man jederzeit auf ihre Freundlichkeit zählen oder auf einen lächelnden Gruss. Auf der Strasse hingegen gilt das Recht des Entschlossenen, wie in so vielen Gesellschaften, die sich unkompliziert per Moped oder klapprigen Wagen fortbewegen.

Es ist diese tropische Mischung aus spontaner Hektik und trägem Verweilen, aus Starrheit und Bewegung, welche die Dominikanische Republik für Besucher so fremd wie anziehend macht. So richtig wallt das Blut schliesslich am Ende eines heissen Tages, in den Bars, vor allem dort, wohin es die Einheimischen zieht. Am Eingang verbieten Schilder das Tragen von Waffen, drinnen dröhnt und scheppert der Latino-Beat so laut, dass man seine Flasche Presidente-Bier gerade einmal schreiend bestellen kann.
Die erste Stadt der Neuen Welt

Kulturell ist die Insel um einiges reichhaltiger als der beliebte Longdrink Santo Libre, eine süffige Mischung aus Rum und Sprite. Die Autopista Duarte DR-1 führt schnell und bequem in die Hauptstadt Santo Domingo, die dem Staat und seinen Bewohnern, den Dominikanern, ihren Namen gab. In der ersten Stadt der Neuen Welt gibt es neben vielen ersten Gebäuden auch die erste Strasse und die erste Universität Amerikas. Und die einzige Fussgängerzone der Insel.

An diesem Fleck wurde der Keim für die weitere Besiedelung des amerikanischen Kontinents gelegt, nachdem Christoph Kolumbus 1492 zum ersten Mal auf Hispaniola gelandet war. Bis heute streiten sich Santo Domingo und Sevilla darum, wer die Gebeine des Eroberers sein eigen nennen dürfe. Dass in der andalusischen Stadt Teile davon liegen, ist nach DNA-Analysen unbestritten. Dennoch betrachtet sich die Hauptstadt der Dominikanischen Republik als einzige Grabesverwahrerin, wie auch der Stadtführer, ein kleiner Mann mit kleinen Lachfalten, wortreich beteuert.

Er führt seine Gäste durch die malerischen, makellos sauberen Gassen der historischen Altstadt. Toyotas, Mercedes-Modelle und Porsches fahren hier blitzblank poliert oder sind akkurat parkiert. Viele der alten Kolonialgebäude stehen schon seit Jahren zum Verkauf. Die Immobilienpreise haben seit der Pandemie noch weiter angezogen. Die lange Einkaufsstrasse Calle El Conde verbindet das Leben der Einheimischen mit dem der Touristen, neben den Waren des täglichen Bedarfs in Supermärkten und Apotheken werden grossformatige Gemälde feilgeboten, mit abstrakten Mustern, kitschigen Landschaften und schwarzen Frauen mit überdimensional dargestellten Gesässen.

Wer etwas anderes von der Dominikanischen Republik sehen will als die weitläufigen Hotelresorts, die mit ihren Shops, Pools und Restaurants eigene kleine Dörfer bilden, sollte auf eigene Faust aufbrechen. Ein Auto mieten und das zunehmend erschlossene Hinterland entdecken, etwa auf der Halbinsel Samaná, die den Status «Geheimtipp» längst überwunden hat. Immerhin befindet sich dort der berühmte Nationalpark Los Haitises mit zahlreichen Höhlen. Auf der Tour per Boot, die man nur mit einem Guide bestreiten kann, fühlt man sich ans Set von «Pirates of the Caribbean» versetzt.

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RE: Inseln sind merkwürdige Gebilde – Hispaniola erst recht

#4 von carlos , 24.01.2022 16:42

Ein Bewusstsein für die Umwelt schaffen

Manche Orte fallen aus dem Raster von Pauschalferien und Kolonialromantik. Die Farm von Rudi, nahe dem bekannten Wassersportort Cabarete, ist so einer. Dürre Hunde und Katzen und klapprige Hühner streunen durch den Gewürzgarten, in dem man all das in natura sieht, was im europäischen Supermarkt in gläsernen Streuern zu finden ist: Estragon, Nelke, Muskatnuss und Ingwer mit roter Blüte. Von einem Bananenbaum pflückt man kleine Köstlichkeiten. In einem Käfig ringelt sich eine Boa constrictor.

Rudi ist ein stämmiger, braungebrannter, lustiger Mann, der mit seinem Tropenhut aussieht wie ein Ranger. Der Dominikaner ging für zehn Jahre nach Deutschland und hat sich für alle möglichen Jobs verdingt: Bodenleger auf dem Bau, Koch, Gärtner. Als er in seine Heimat zurückkehrte, kaufte er das Land und gründete die Plantage. Rudis Ziel ist es, ein Bewusstsein für die Schönheit und die Bewahrung der Natur zu schaffen, bei Einheimischen ebenso wie bei Touristen. Zusammen mit dem Deutschen Markus, der seit 1990 auf der Insel lebt, organisiert er Flussfahrten mit einem Dieselboot.

Die «Dom Rep» lebt nicht nur vom kurzlebigen Tourismus, sie ist geformt von Weltenwanderern und Expats, die Devisen und im Ausland erworbenes Wissen einbringen. So rückt auch der Schutz der Umwelt allmählich ins Bewusstsein der Dominikaner. Der Touristenführer Carlos gibt sich optimistisch: Zumindest die Regierung setze sich inzwischen für den Umweltschutz ein, man habe dafür ein eigenes Ministerium gegründet und Schutzgebiete ausgewiesen. Mit speziellen Trainings soll die Bevölkerung sensibilisiert werden, ihren Müll nicht einfach auf der Strasse zu entsorgen.

In der Realität allerdings gibt es noch reichlich Luft nach oben: Der Buschauffeur lässt auch bei längerem Warten den Motor laufen, in manchen entlegeneren Sandstränden stecken Plastikflaschen, in den Hotelanlagen benetzten Wassersprenger permanent das Grün. Abfalleimer am Strassenrand ausserhalb der Resorts zu finden, ist eine Herausforderung. Dabei ist «Eco» das Schlagwort, das vor den Namen der teuren Lodges oder der Tankstelle Petralea prangt.
Müll in Santo Domingo. Mit speziellen Trainings soll die Bevölkerung sensibilisiert werden, ihren Müll nicht einfach auf der Strasse zu entsorgen.

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RE: Inseln sind merkwürdige Gebilde – Hispaniola erst recht

#5 von carlos , 24.01.2022 16:42

Ein funktionierender Staat

Während der touristische Teil der Insel mit Surfstränden und Golfplätzen aufwartet, finden sich auf der anderen Strassenseite Wellblechhütten. Und die Grundstückspreise steigen weiter. Vielleicht wird die Dominikanische Republik in ein paar Jahren das Touristenziel Nummer 1 in der Karibik.

Und vielleicht wird dies das Gefälle auf der Insel noch weiter verstärken, vielleicht verschwindet die «echte» Karibik irgendwann gänzlich unter dem Ansturm von aussen. Aber was wäre die Alternative? Immerhin funktioniert die Dominikanische Republik, die auf dem Human-Development-Index von 2020 im Mittelfeld liegt (Platz 88 von 189), wie kaum ein anderes Land in der Region – nicht zuletzt auch wegen der Besucher.

Irgendwann rattert der Bus an der Stelle vorbei, an welcher der Musiker Falco 1998 mit dem Auto verunfallte. Ein weisses Kreuz und ein Poster an der unscheinbaren Mauer sind zurückgeblieben. Der österreichische Weltstar hatte sich in die Exotik der Dominikanischen Republik verliebt, wie für viele andere auch wurde die Insel zuerst Durchgangs-, schliesslich Endstation.

Inseln sind merkwürdige Gebilde mit eigenen Gesetzen und Stimmungen: zum Besuchen, zum Bleiben. Und zum Warten auf die nächste Ladung Touristen.

Die Recherchereise wurde ermöglicht durch Latino Travel, Windisch.

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RE: Inseln sind merkwürdige Gebilde – Hispaniola erst recht

#6 von carlos , 24.01.2022 16:43

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