«Vieles habe ich von männlichen Hebammen in Eritrea gelernt

#1 von carlos , 10.05.2021 17:23

«Vieles habe ich von männlichen Hebammen in Eritrea gelernt» – Augusta Theler reiste als Hebamme um die Welt

Augusta Theler hilft Kindern rund um den Globus zur Welt. Und wünscht sich, Schweizer Grossmütter wären vor und danach präsenter. Doch die Mütter informieren sich lieber im Internet.
Jährlich kommen 90 Millionen Kinder zur Welt, 171 pro Minute, mehr als zwei pro Sekunde. Auch in Krisengebieten. Und auch dort half die Walliser Hebamme Augusta Theler (56) Kindern auf die Welt. Ihre Fähigkeiten sind im Spital in Thun genau so wichtig wie in Eritrea, Kamerun, Haiti und Nepal. Und doch gibt es Unterschiede.

Mit Ihrem Hebammenkoffer reisen Sie seit 2004 um die Welt. Warum wollten Sie in Krisenregionen tätig sein?

Mein Mann hat mich mit seiner grossen Erfahrung als Tropenmediziner dazu motiviert. Nach meiner Ausbildung zur Hebamme arbeitete ich drei Monate als Volontärin in Eritrea. Die Verbindung des traditionellen Wissens mit unserer modernen Medizin faszinierte mich. Eine Geburt ist und bleibt Körperarbeit. Weltweit brauchen die werdenden Mütter dabei die Hilfe einer Hebamme.

Welcher Einsatz brachte Sie an den Rand Ihrer Möglichkeiten?

Mein letzter Einsatz belastete mich psychisch sehr. Leben und Tod waren in einem zwölf Kilometer langen Lager der Flüchtlinge aus Myanmar (Rohingya) in Bangladesch sehr nahe beieinander. Unter schwierigsten Bedingungen in einem grossen Feldspital für eine Million Flüchtlinge zu arbeiten, war sehr emotional. Viele unterernährte Neugeborene starben. Umso schöner ist es, wenn Frauen und Kinder gerettet werden können. Gerne fotografiere ich Eltern mit ihren Kindern und schenke ihnen ein schönes Foto. Für viele ist es das erste in ihrem Leben. Der kleine Drucker in meinem Reisegepäck verhilft zu solchen Glücksmomenten.
Auch ein Foto ihrer Grossmutter, die schon Hebamme war, ist immer mit dabei.
Auch ein Foto ihrer Grossmutter, die schon Hebamme war, ist immer mit dabei.
Bild: Britta Gut

Ist diesen Eltern etwas anderes wichtig beim Gebären, als Schweizer Eltern?

In Krisenregionen geht es oft um Leben oder Tod. Wichtig ist vor allem, dass die Mütter bei der Geburt überleben. Sie haben oft kinderreiche Familien zu versorgen. Sie geben sich bei der Geburt hin und lassen sich sehr gut von uns Hebammen führen. Schmerztherapien spielen dabei für sie kaum eine Rolle.

Was geht in Ihnen vor, wenn Frauen ihr Neugeborenes anbieten, damit es in der Fremde eine Zukunft habe?

Es macht mich sehr traurig, wenn Eltern ihr eigenes Fleisch und Blut weitergeben wollen. Wie gross muss die Verzweiflung sein? In Haiti und Bangladesch habe ich es häufig erlebt.
Augusta Theler bei einem Einsatz in einem Feldspital in Bangladesh.
Augusta Theler bei einem Einsatz in einem Feldspital in Bangladesh.
Bild: zvg

Welche Gründe führen zu einer grossen Sterblichkeit der Kinder in Entwicklungsländern?

Unentdeckte Hochrisikoschwangerschaften, Mangelernährung, Infektionen und chronische Blutarmut. Frauen, die beschnitten sind, erleben oft schlimme Geburten mit ungewissem Ausgang. Dass gestreckte Pulvermilch Babys verabreicht wird, statt sie zu stillen, ist ein weiterer Grund.

Gehen Eltern in der Schweiz oder in Krisengebieten anders mit einem totgeborenen Kind um?

Ich erlebe keinen Unterschied in der Trauer. Sie ist riesengross, auch wenn die Hoffnung besteht, später wieder ein Kind auf die Welt bringen zu dürfen. Auch auf meinen Auslandeinsätzen habe ich Kleidchen für Sternenkinder bei mir. Der respektvolle Umgang mit einem verstorbenen Neugeborenen ist mir sehr wichtig.

Welche Auslandserfahrungen helfen Ihnen im Spitalalltag in Thun?

Ich setzte die Sinne und Hände mehr ein. Die Hebammenkunst beruht auf einem jahrhundertealten Wissen. Es geht darum, die Frauen darin zu bestärken, dass ihr Körper fähig ist, ein Kind zu gebären. Und zu erkennen, wann ärztliche Untersuchungen notwendig sind.

In der Schweiz kommt jedes dritte Kind mit Kaiserschnitt zur Welt. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Für mich ist der Kaiserschnitt die letzte Option, wenn wirklich alles versucht worden ist. Es gibt Frauen, die einen Kaiserschnitt wünschen und Situationen, wo er angezeigt ist. In jedem Fall gebe ich mein Bestes und möchte nicht werten.

Was sagen Sie Männern, die die Geburt Ihres Kindes miterleben möchten?

Ich habe es oft erlebt, dass Männer nicht dabei waren. Vor allem in der islamischen Kultur ist das der Fall. Gebären ist noch immer Frauensache. Viele Männer kommen dabei auch an ihre emotionalsten Grenzen. Deshalb ist es wichtig herauszufinden, welche Wünsche ein Paar hat. Viele Männer informieren sich und sind dann ihrer Frau bei der Geburt eine grosse Stütze. Andere bitten wir, eine Runde zu laufen, wenn für sie im Gebärsaal die Herausforderung zu gross wird.

Welche Alternativen haben sich zusätzlich zur Schulmedizin bei Geburten bewährt?

Im Spital Thun machen wir die äusseren Wendungen, so wie es meine Grossmutter, die ebenfalls Hebamme war, bei Steisslagen angewandt hatte. Selbstverständlich muss die Kaiserschnittbereitschaft gegeben sein. Auch werden wieder öfter Kinder in Steisslage geboren. Vieles habe ich von männlichen Hebammen in Eritrea gelernt, um einen Kaiserschnitt möglichst zu verhindern.

Sie betreuen in der Schweiz auch Migrantinnen. Worin bestehen kulturelle Unterschiede zu Schweizerinnen?

Oftmals sind die Mütter der ausländischen Wöchnerinnen viel präsenter. Sie übernehmen den Haushalt und helfen mit Rat und Tat bei der Babypflege zu Hause mit. So etwa bei Türkinnen, die von Generation zu Generation ihr Wissen weitergeben. In unserer Kultur liegen riesige Ressourcen brach. Es macht mich traurig, dass oft das Internet konsultiert wird, statt auf die Erfahrungen der Mütter und Grossmütter zu setzen.

Sie werden sich künftig für den Aufbau des Gesundheitszentrums Khorlabesi in Nepal einsetzen. Gibt es in der Schweiz zu wenig Herausforderungen für Sie?

Es ist mehr ein Zurückgehen. Die Nepalesen sind uns Wallisern im Wesen ähnlich. Sie wohnen in den Bergen, sind Meister im Improvisieren und sie packen an. Dort mit meinem Mann für das Schweizer Hilfswerk «Earth C-Air» tätig sein zu dürfen, ist ein grosses Glück.

Buchhinweis: Augusta Theler: «Mit dem Hebammenkoffer um die Welt» Autorin: Rebekka Haefeli, 2017, Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Baden, Schweiz

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RE: «Vieles habe ich von männlichen Hebammen in Eritrea gelernt

#2 von carlos , 10.05.2021 17:23

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