Elisabeth-Straßenambulanz: Die letzte Hoffnung für Obdachlose

#1 von carlos , 13.09.2018 23:03

Zahnschmerzen, Tuberkulose, Sucht, ein von Ratten zerfressener Fuß: In die Elisabeth-Straßenambulanz kommen Obdachlose, die bei der normalen Krankenversorgung durchs Raster fallen. In diesem Jahr feiert die Einrichtung ihr 25-jähriges Bestehen. Und warnt: Es gibt eine gesellschaftliche Fehlentwicklung.


Tadeusz B. hat seinen Humor nicht verloren. „Stillhalten“, sagt Krankenschwester Maria Förster und fängt an, das Bein des 62-Jährigen mit einem dicken, desinfizierenden Verband zu umwickeln. „Ich hab’ ja keine andere Wahl“, sagt der gebürtige Pole und grinst. Seit März lebt er wieder auf der Straße, nachdem er zuvor einige Monate in der Obdachlosenunterkunft im Ostpark untergekommen war.

Der gelernte Elektriker hat schwache Venen und seit zwei Wochen ein offenes Geschwür am Knöchel. Mit einem ordentlichen Verband und drei Tagen Bettruhe eigentlich harmlos. Ohne Bett, ohne Krankenversicherung und mit ständig hohem Stresslevel hingegen ein richtiges Problem: „Wenn man das nicht behandelt, kommen erst die Fliegen und dann die Maden“, sagt Maria Goetzens.

Die Ärztin leitet die Elisabeth Straßenambulanz (ESA) seit 1996 – und hat all das, von dem sie spricht, bereits gesehen: Den Mann mit den Maden in der Wunde. Oder den, dem die Ratten nachts die halbe Ferse abgebissen hatten. 1515 Patienten hat die ESA in der Klingerstraße im vergangenen Jahr behandelt, pro Tag zwischen 40 und 50 Menschen.

Sie kommen mit akuten Verletzungen, aber immer häufiger auch mit psychischen oder chronischen Erkrankungen: Seit die ESA ihre Tätigkeit aufnahm, hat sich das Altersniveau der Patienten um zehn Jahre nach hinten verschoben. Und noch etwas hat sich verändert: Während die Patienten vor 25 Jahren vorwiegend deutsch waren, kommen heute 70 Prozent aus dem Ausland, vor allem aus Bulgarien, Rumänien und Polen. So wie Tadeusz B, der drei Kinder hat und von seiner Frau getrennt lebt.

„Diese Menschen sind hier, um hier Geld für ihre Familien zu erwirtschaften“, sagt Goetzens. Meist mit Schwarzarbeit. Denn um legal arbeiten zu können, braucht man in Deutschland einen Wohnsitz. Und um eine einigermaßen bezahlbare Krankenversicherung zu bekommen, eine legale Arbeit. 84 Prozent der Patienten waren 2017 nicht krankenversichert. Ihnen bleiben die ESA oder andere Hilfsangebote, die ihre Mitarbeiter und Medikamente durch Spenden finanzieren.
Wer bekommt Prothese?

Das führe oft zu schwierigen ethischen Entscheidungen, sagt Goetzen. „Wir können zum Beispiel nicht für jeden, der keine Zähne mehr hat, eine Zahnprothese anfertigen.“ Mehr als zwölf pro Jahr könne sich die ESA, die seit 2009 auch Zahnarzt-Behandlungen anbietet, nicht leisten. Alkoholiker haben von vorne herein schlechtere Chancen, denn wenn der Notarzt sie mit einem Krampfanfall ins Krankenhaus bringt, achtet keiner auf die falschen Zähne – im schlimmsten Fall sind sie am Ende verschwunden. „Klar ärgert mich das dann, weil man ja viel Mühe reingesteckt hat“, sagt Goetzen. Aber manchmal wolle man eben daran glauben, dass ein Patient seine Sucht nun im Griff habe. „Manchmal hat man einen selektiven Blick.“

Denn eines wollen die Ärztin und ihr Team aus zwölf Hauptamtlichen und 29 Ehrenamtlichen auf keinen Fall: auf die Patienten herabblicken. „Es geht um ganz kostbare Menschen, die alle ihre Geschichte haben.“

Manchmal endeten die Geschichten dann auch positiv: Etwa die des schweren Alkoholikers, der jahrelang auf der Berger Straße gelebt habe, und mit Hilfe eines Anwohners am Ende wieder mit seiner Familie vereint werden konnte. Oder die des Mannes, der nach Jahren auf der Straße den Schritt zurück zur eigenen Wohnung gewagt hat – und irgendwann anfing, sie einzurichten.
Obdachlose sterben jung

Doch manchmal enden sie auch negativ. 14 ihrer Patienten seien im vergangenen Jahr mindestens gestorben, die Dunkelziffer sei aber wohl deutlich höher, sagt Goetzen. Zwar sind Krankenhäuser verpflichtet zu helfen, wenn ein lebensbedrohlicher Notfall vorliegt. Eine aufwendige, nicht lebensbedrohliche Operation oder teure Krebsmedikamente fallen nicht darunter. Und auch die ESA kann sie nicht bezahlen.

53,5 Jahre alt seien die elf verstorbenen Patienten durchschnittlich geworden, 45,3 Jahre die drei Patientinnen. Das durchschnittliche Sterbealter in Deutschland liegt bei Männern 20 Jahre und bei Frauen 36 Jahre darüber. „In einem Land wie Deutschland“, sagt Goetzen, „muss das doch nicht sein.“

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