Gesundheit: Ein Hauch von Dritter Welt in den USA

#1 von carlos , 07.10.2010 14:43

Tausende Amerikaner, die sich keine Krankenversicherung leisten können, pilgern einmal im Jahr zur Gratisbehandlung in den Südwestzipfel Virginias. Wo das System versagt, springen Freiwillige ein.


Wie milchige Schleier wabern Nebelschwaden über den Hügeln der Appalachen. Es ist halb fünf Uhr früh und noch stockfinster draußen, als sich in der Frühstückslobby des „Days Inn“ Dave und seine Samariter des Lions Club aus Lynchburg in ihren weinroten Polo-Shirts, Bermudas und weißen Tennisschuhen – alle stramm in ihren Siebzigern – in Stimmung bringen: „Okay, let's Rock'n'Roll.“ Dass Dave ein Hörgerät trägt, macht den Weckruf ein wenig skurril.

Ihre Wehwehchen halten die Rentner nicht davon ab, Jahr für Jahr an einem Sommerwochenende um der guten Sache willen in den Südwestzipfel Virginias zu kommen. Sie gehen den Organisatoren von RAM (Remote Area Medical) zur Hand, die am Rande der Kleinstadt Wise drei Tage lang ein Feldlazarett aufschlagen. RAM offeriert medizinische Gratisbehandlung, und ohne die freiwilligen Helfer, ohne die Baptistengemeinde, insbesondere aber ohne die Ärzte, Schwestern und das medizinische Personal der University of Virginia wäre die größte derartige Operation in den USA nicht denkbar. Im Frühjahr hat RAM erstmals in Los Angeles eine solche Aktion veranstaltet, in Haiti arbeitet die Organisation daran, einen Stützpunkt zu errichten.

Vor dem Areal der Landwirtschaftsmesse in Wise sind die taufrischen Wiesen in der Morgendämmerung längst vollgeparkt. Clyde und seine Frau haben in ihrem Pick-up-Truck übernachtet, andere haben in Zelten geschlafen oder im Freien campiert, einige auf Matratzen, nur um bei der Nummernvergabe um sechs Uhr früh ganz vorne in der Warteschlange zu stehen – nach dem Prinzip „First come, first serve“. Eine Liliputanerin stützt sich auf ihr Sauerstoffgerät, eine Frau schiebt ihre schwer übergewichtige Mutter im Rollstuhl: Unter den Flutlichtmasten haben sich die Mühseligen und Beladenen (Mt. 11,28) eingefunden, viele ziehen hastig an einer Zigarette. Randy, ein Schrank von einem Mann – ein ehemaliger College-Footballer mit Cowboyhut –, leidet an Diabetes, die mittlerweile sämtliche Organe angegriffen hat. „Das Herz und die Leber spielen nicht mehr mit.“ Der Stammgast lässt sich durchchecken: „Das ist eine einmalige Chance.“


Hillybilly-Country. Manche sind eigens aus Florida, aus Utah und einer, heißt es, ist gar aus Hawaii in einen der hintersten Winkel des Hillybilly-Country angereist – der Heimat der Hinterwäldler. Die Region an der Grenze zu Kentucky und Tennessee, einst ein lukratives Kohlerevier, gehört nach dem Niedergang des Bergbaus mit einem Durchschnittsjahreseinkommen von 14.000 Dollar zu den ärmsten Landstrichen der USA. Verschärft noch durch die Wirtschaftskrise, liegt die Armutsrate in Wise County bei 20 Prozent. Die Hauptstadt Washington, rund zehn Autostunden entfernt, scheint hier unendlich weit weg.

Wo sonst Pferde, Kühe und Schweine durch die Gatter in die Koppel getrieben werden, schleust Stan Brock hunderte Patienten, in der überwiegenden Mehrheit Weiße, zur Registrierung und weiter in die zu behelfsmäßigen Praxen ungewandelten Scheunen, Zelte und Trucks – eine Ärztestraße, in der fast alle Fachrichtungen vertreten sind: vom Röntgenlabor über die Apotheke bis zum Augenarzt. Selbst kleinere chirurgische Eingriffe nehmen die Ärzte vor. Täglich finden rund 1500 Menschen Einlass. Alles ist gratis, inklusive der Brillen.

Mit seinem von Heftpflastern übersäten Gesicht wirkt der Endsiebziger Brock, der eitel genug ist, sein Alter nicht preiszugeben, selbst wie ein Patient. „Zu viel Sonne“, sagt er lapidar. Der Brite, der in seiner Khaki-Uniform kerzengerade wie ein General die Nummern aufruft und den Einlass kontrolliert, hat die Organisation vor 25 Jahren ins Leben gerufen. Er hatte sich als Cowboy und Abenteurer im Amazonasgebiet bei den Wapishana-Indianern in Britisch-Guyana verdingt, wo der nächste Arzt 26 Tagesreisen entfernt lebte. Hier kam ihm die Idee für sein Projekt, und als er als TV-Star der Serie „Wild Kingdom“ in die USA übersiedelte, sah er die Not im reichsten Land der Welt: „Das ist gottverdammt noch einmal die Dritte Welt.“ Inzwischen bekommt er Anfragen von überall aus den USA, sogar von der Inselgruppe der Aleuten in Alaska. „Am meisten bedrückt mich, wenn wir Leute wegen Überkapazität abweisen müssen“, erzählt er mit britischem Akzent.

„Wir sind drin“, jubelt ein Ehepaar. Auch Cathy Murray hat mit ihrer Nummer 30 die Hürde überwunden. „Mit ist ein Zahn abgebrochen. Seit ich den Job gewechselt habe, kann ich es mir nicht mehr leisten, zum Zahnarzt zu gehen“, sagt die Busfahrerin aus Coeburn. „Wie soll ich bei einem Einkommen von 1400 Dollar eine monatliche Versicherungsprämie von 200 bis 300 Dollar aufbringen?“


50 Millionen unversichert. So wie Murray ergeht es den meisten, die nach Wise gepilgert sind. Sie sind entweder unversichert wie 50 Millionen Amerikaner oder unterversichert wie weitere 25 Millionen. Das Medicaid-Programm für die sozial Bedürftigen deckt meist nur die Grundversorgung ab, nicht jedoch etwa die Zahnarztkosten. Zahnziehen schlägt je nach Bundesstaat mit 150 bis 500 Dollar zu Buche. Selbst die Versicherten versuchen aus Spargründen, Arztbesuche so gut es geht zu vermeiden.

Die Gesundheitsreform, die Präsident Obama im Frühjahr gegen den massiven Widerstand der Republikaner im Kongress durchgedrückt hat, soll jetzt endlich Abhilfe schaffen. Sie wird mehr als 30 Millionen Amerikanern eine Krankenversicherung verschaffen, tritt in vollem Umfang allerdings erst im Jahr 2014 in Kraft.

Die Reform hat die Nation polarisiert, und diese Spaltung spiegelt sich auch unter den Ärzten und Gesundheitsexperten in Wise wider. „Das ist doch nur eine politische Geste, die keinen großen Effekt haben wird“, meint ein Zahnarzt. Der Orthopäde Bill Hazel, der Gesundheitsminister von Virginia, verspricht sich zwar einen kurzfristigen Fortschritt, befürchtet aber eine Kostenexplosion und einen eklatanten Anstieg der Versicherungsprämien. Auch Mark Warner, der demokratische Ex-Gouverneur und nun Senator in Washington, stattet dem Event samt seinen tausenden potenziellen Wählern eine Stippvisite ab.


Vom Winde verweht. Claudette Dalton, pensionierte Anästhesistin und eine der Mitorganisatorinnen, hat Ärztefreunde überredet, statt in den Urlaub nach Bolivien in die „Dritte Welt“ vor der eigenen Tür zu fahren. „Das erinnert an das Krankenlazarett in ,Vom Winde verweht‘, nicht wahr?“ Sie zeichnet ein düsteres Bild vom Gesundheitszustand der Bewohner in Wise County: „Die Leute rauchen mehr, es gibt hier einen stärkeren Drogenmissbrauch, eine höhere Krebsrate, mehr Herzkrankheiten, mehr Diabetesfälle, eine höhere Analphabetenquote und eine höhere Selbstmordrate als im Rest des Landes.“ Die Lebenserwartung sei in den letzten Jahrzehnten gesunken.

„Die Menschen haben nicht die Stärke, sich aus eigener Kraft aus dem Strudel herauszureißen. Statt fortzuziehen, bleiben sie hier hängen. Es ist eine tief verwurzelte Kultur. Sie sind sogar zu stolz und stur, um selbst um Hilfe zu bitten.“ Doch „kleine Wunder“, sagt sie, würden die Müh aufwiegen: „Als ein Opa, dessen Gehör verstopft war, seine Enkeltochter zum ersten Mal singen hörte, haben wir alle geheult.“

Mittlerweile ist es brütend heiß geworden in dem Areal, die Ventilatoren und die Stromgeneratoren laufen auf Hochtouren. Am Boden verlaufen dicke Kabel, aus den Radios in der Zahnbox dröhnt Musik, die aber die Zisch- und Sauggeräusche der Bohrer nicht zu übertönen vermag. Starr und steif liegen manche auf dem „Folterstuhl“, andere zittern am ganzen Leib mit wippenden Beinen und zuckenden Armen, während die Zahnärzte zwacken und in den Mundhöhlen herumwühlen. Einer reißt einen Zahn brachial heraus, zwinkert und klopft dem Patienten auf die Schulter. „17 und 32 sind die nächsten“, ruft ein Assistent.

Wie am Fließband werden die Zähne gezogen, und nicht wenige der oftmals stark tätowierten Patienten verlieren fast ihr ganzes Gebiss. Eine Horrorshow: Die Umhänge sind mit Blutspritzern besprenkelt. Zahnstummel und schwarze Zähne wie beim 27-jährigen Paul Suter, einem arbeitslosen Schweißer, sind eher die Regel denn die Ausnahme. Jim Hardigan, ein bulliger Zahnarzt in kanariengelb-orangefarbener Arbeitskleidung, hat viel gesehen. Er war schon in Äthiopien im Hilfseinsatz. Wie die meisten Kollegen betrachtet er es als seine Verpflichtung, der Gesellschaft etwas zurückzugeben:„Ich habe ja Medizin studiert, um den Menschen zu helfen.“


Professor und Philosoph. Die ganz schweren Fälle landen bei Daryl Pirok und seinem Team hinten im Zelt. Der Zahnchirurg aus Richmond ist Professor und Philosoph aus Neigung, er hat seine halbe Familie und sein Operationsbesteck mitgebracht und strahlt mit seiner Halbglatze und dem weißen Vollbart die Aura eines Bilderbuchdoktors aus. „Ein schlechter Zahn wirkt sich auf den ganzen Organismus aus, auf den Blutdruck, aufs Cholesterin, auf Diabetes, aufs Herz. Aber es ist schwierig, Gewohnheiten zu durchbrechen“, weiß er. „Ein Teufelskreis.“

Everett Haywood, einem 33-Jährigen aus North Carolina, tritt auf dem Zahnarztstuhl der Schweiß aus allen Poren. Pirok tätschelt dessen Bauch und fordert Haywoods Frau Amy auf, ihrem Mann die Beine zu kraulen, um ihm die Angst zu nehmen. „Sie haben schlechte Zähne“, sagt er. Abgewandt wirft er ein: „Unser Problem sind nicht schlechte Zähne oder ein schlechtes Herz. Unser Problem liegt hier oben.“ Und er deutet auf den Kopf.
14,3

Prozent der Amerikaner, in absoluten Zahlen 44Millionen, leben nach einer Erhebung für das Jahr 2009 unter der Armutsgrenze – der höchste Prozentsatz seit 1994. Eine Person mit einem Jahreseinkommen von 10.830 Dollar sowie eine vierköpfige Familie mit einem Gehalt von 22.050 Dollar gelten per Definition als arm.
Für 2010 rechnen Experten mit einem weiteren Anstieg der Armut in den USA.
41,3

Millionen Amerikaner nahmen im Sommer regelmäßig Essensmarken beziehungsweise Nahrungshilfe in Anspruch – seit Jahresbeginn hat die Zahl um mehr als zwei Millionen Menschen zugenommen. In
der Hauptstadt Washington ist jeder Sechste auf eine solche Hilfe angewiesen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2010)

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