Famulatur in João Pessoa/Brasilien

#1 von Marcel , 19.07.2010 10:22

Bericht aus dental fresh:

http://www.youtube.com/results?search_query=iadr&aq=f

Brasilien ist eine multikulturell geprägte Nation, 24-mal so groß wie Deutsch
land. Das einstige Schwellenland mit der zukünftigen Olympia stadt Rio
Janeiro und der Fußballweltmeisterschaft 2014 scheint den Absprung zu
Doch als Tourist ist nicht mehr möglich, als oberflächlich die mitreißende
Mentalität der Menschen und die großen sozialen Probleme zu erhaschen.
Wie schaut Zahnmedizin hier eigentlich aus? – Ein Famulaturbericht

Als es am 16.02.2009 zu einer sechswöchigen Fa -mulatur in den Semesterferien losging, wussten wir,
Alexander Grundei und Marcel Hartmann, nicht im
Geringsten, was uns erwartete. Ziel nach insgesamt
16 Stunden Flug war der östlichst gelegene
Punkt Südamerikas, die 800.000-Einwohner-Stadt
João Pessoa.
Was wir hatten war ein Professor, der uns vom Flug -
hafen abholte, die 3-Nächte-Buchung in einer Ju -
gendherberge am Meer, die materielle Unter stüt -
zung der Firmen Pluradent und VOCO und die Zu sage
der Universidade Féderal da Paraiba, eine Famu latur
für die vier Wochen, in denen noch Semester stattfanden,
machen zu dürfen.
Schon am ersten Tag wurden wir in das „Professoren -
zimmer“ mitgenommen, was man sich als Deutscher
wie ein Lehrerzimmer vorstellen kann. Hier ist der
zentrale Raum, wo alle Profs ihre Schreibtische ne -
beneinander haben, in dem fachübergreifend kommuniziert
und organisiert wird. Mit den Professoren
ist man in Brasilien per Du, das Verhältnis ist brasilianisch
locker und unbedarft, nicht jedoch ohne den
Respekt zu verlieren. Schnell wollte uns jeder
Professor in seinem Kurs haben, sodass wir uns permanent
aussuchen konnten, in welchen klinischen
Patientenkursen wir den Tag behandelten.
Wir staunten nicht schlecht, als uns die Hygiene -
standards, die Kittel, Brille, Mundschutz und Haar -
schutz(!) beinhalten, erklärt wurden. Bei 36°C im
Schatten, einer unglaublich hohen Luftfeuchtigkeit
und das an 365 Tagen im Jahr, wurde uns physisch so
einiges abverlangt (Klimaanlage gab es meist nicht,
die Uni ist architektonisch offen konstruiert).
Von nun an ging es jeden Morgen mit dem Linienbus
in Weiß (Spinde gibt es nicht, die Studenten sollen in
Arbeitskleidung zur Uni kommen) in die UFPB. Das
Gesundheitssystem an den Universitäten ist so or -
ganisiert, dass die Behandlung für jeden Patienten,
egal ob beim Professor oder einem Studenten, umsonst
ist und vom Staat übernommen wird. Dies hat
zur Folge, dass sich die Umfänge hier auf die zahnärztlichen
Standardbehandlungen beschränken.
Demzufolge sahen wir einen Großteil der armen Be -
völkerung schon morgens seit 5 Uhr wartend in der
Uni sitzen, um sich in eine der Wartelisten für einen
Studentenkurs eintragen zu lassen. Als Beispiel sei
46 dentalfresh #1 2010
AM ÄQUATOR
famuliert…
Brasilien ist eine multikulturell geprägte Nation, 24-mal so groß wie Deutsch -
land. Das einstige Schwellenland mit der zukünftigen Olympia stadt Rio de
Janeiro und der Fußballweltmeisterschaft 2014 scheint den Absprung zu finden.
Doch als Tourist ist nicht mehr möglich, als oberflächlich die mitreißende
Mentalität der Menschen und die großen sozialen Probleme zu erhaschen.
Wie schaut Zahnmedizin hier eigentlich aus? – Ein Famulaturbericht
Marcel Hartmann
dentalfresh #1 2010 47
Zahnmedizinische Prophylaxe wird an der Uni zwar ge lehrt, aber nicht
angewendet. Be handelt wurden ferner nur tiefe bis sehr tiefe kariöse
Lä sionen, allerdings wahlweise mit Kunststoff oder Amal gam. En do -
me trisch wird nur per Hand aufbereitet, geröntgt wurden ausschließ -
lich Zahnfilme und entwickelt per Hand. Mit Lupen brillen arbeiteten
selbst die Profes soren nicht, sie gelten als „Luxus“. Umso mehr wurden
wir von den Dozenten gebeten, Arbeitsmateria lien wie eine Lupen -
brille, Futar, einen teil- bzw. gar volljustierbaren Arti ku lator, oder
unsere hiesigen KaVo-Einheiten (Behand lungsstühle) zu erklären.
Vie le Stu denten konnten sich nur etwas darunter vorstellen, wenn
sie so etwas bei einer
Messe in São Paulo
gesehen hatten. Leis -
ten können sich diese
Importe auch Professoren
nicht. Trotz allem
wer den beispiels -
wei se Deep Scalings in
der Regel immer offen
durch geführt.
hier der Endodontiekurs (Wurzelkanalbehandlungen)
aufgeführt: Patienten mit Zahnschmerzen (ohne sich
Schmerzmittel leisten zu können) trugen sich in eine
über 500 Personen zählende Warteliste ein, um frühestens
zwei Wochen später behandelt werden zu
können. Die brasilianische Mittel- und Ober schicht
da gegen geht ausschließlich zu privaten, niedergelassenen
Zahnärzten und zahlt dort bar oder per Na -
turalien.
Auf diese Weise wurde es uns ermöglicht, nicht nur
Endontologie-, Zahnerhaltende-, Chirurgie- oder Pro -
thetikkurse zu besuchen, sondern überall selber zu
praktizieren und darüber hinaus von den Professoren
ermuntert, unser Wissen und unsere Methodik
der Behandlung weiterzugeben und anschaulich zu
schildern. Vereinfacht wurde uns dies durch viele mitgebrachte
Proben und gespendete Instrumente der
genannten Firmen.
Grundlegend mussten wir ziemlich schnell feststellen,
was es bedeutet, in einem Land nicht als Tourist,
sondern als Gast behandelt zu werden. Vielleicht
wurde uns die unglaublich herzliche Gastfreund -
schaft (wir wurden des Öfteren auch von Professoren
nach Hause zum Essen eingeladen) auch deswegen
zuteil, weil es dort zum einen bisher kaum Zahn -
medizin-Famulanten gab, zum anderen diese Region
Brasiliens touristisch sehr unerschlossen ist. Schnell
haben wir Freunde gefunden, die mit uns diverse
Ausflüge gemacht haben, sodass uns kaum Zeit zum
Durchatmen blieb.
Unvergesslich blieb uns auch das Erlebnis, den brasilianischen
Karneval in Olinda, einem der drei brasilianischen
Karnevalshochburgen, mitzuerleben. Man stel -
le sich nur einmal vor, dass in einer historischen Alt -
stadt (in der sonst 50.000 Menschen leben) aus dem
ganzen Land über eine Million Menschen pilgern, um
miteinander zu den Rhythmen der Karne valsvereine,
die durch die Straßen ziehen, zu tanzen und zu feiern.
Es ist kein Vergleich zum hiesigen Rheinland – nein, so
ein Ereignis muss man erlebt haben: Die Menschen
feiern den Karneval nicht – sie leben ihn!
Wir haben dieses Land und diese Menschen kennengelernt
und haben neben einer Zahnmedizin, die sich
uns als gleiches Fach doch sehr neu präsentiert hat,
auch ein Land erlebt, in dem sicherlich die sozialen
Probleme, die sich in Kriminalität, Korruption und
letztlich Umweltzerstörung äußern, vorhanden sind.
Wer jedoch simple Verhaltensregeln befolgt, sich soviel
anpasst wie nötig und so offen ist wie möglich,
der kann hier nur positive Erfahrungen machen.
Abschließend möchten wir festhalten, dass wir nur
jedem dazu raten können, während seines Studiums
eine Famulatur zu machen. Wir haben neue Freunde
gefunden und mussten versprechen wiederzukommen.
Wir haben fachlich einiges an unserer Ausbil -
dung in Deutschland zu schätzen gelernt, nehmen
aber auch mit, dass man mit simplen Mitteln, gute
medizinische Ergebnisse erzielen kann. Be eindruckt
hat uns vor allem die positive Einstellung der Brasi -
lianer zum Leben, egal welches soziale Schicksal dahintersteckt

Marcel  
Marcel
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