Mehr Zahngesundheit in den Favelas

#1 von silversmile , 14.09.2010 17:07

Kibra – Kinderzahnhilfe Brasilien im Bundeskanzleramt ausgezeichnet – Nachhaltigkeit des Konzepts überzeugt –



Beim diesjährigen Startsocial Wettbewerb der deutschen Wirtschaft unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde die Kinderzahnhilfe Brasilien, kurz Kibra, in Berlin für die Idee der individualisierten zahnärztlichen Gruppenprophylaxe für arme Kinder in Entwicklungs- und Schwellenländern ausgezeichnet. In verschiedenen humanitären Arbeitseinsätzen in brasilianischen Armenvierteln (Favelas) in den Jahren 2006 und 2007 hatte der Karlsruher Zahnarzt Dr. Norbert Lehmann die Erfahrung gemacht, dass es auf der einen Seite genügend gut ausgebildete brasilianische Zahnärzte, auf der anderen Seite aber auch Millionen von armen Kindern gibt, deren Eltern kein Geld für eine zahnärztliche Behandlung ihrer Kinder aufbringen können. Die Folge daraus ist, dass die Zahngesundheit der Kinder aus den Favelas sehr schlecht ist.

Die Frage war also, wie kann man beide Seiten zusammenbringen, sodass der Zahnarzt von seiner Arbeit leben und der Arme diese Leistung bezahlen kann. Denn erst dann ließe sich das Kriterium der Nachhaltigkeit, das für Lehmann im Vordergrund steht, erfüllt sein. Ideal wäre eine Methode, die gleichzeitig eine Ergebnis- und eine Kostenkontrolle ermöglichte. Mit einem solchen System könnten dann prinzipiell überall auf der Welt die Kinder aus den ärmsten Bevölkerungsschichten eine zahnärztliche Versorgung erhalten. Dafür kam nur eine Kombination aus Prophylaxe und zahnärztlicher Behandlung infrage. Durch eine vorgeschaltete kontrollierbare Gruppen- beziehungsweise Massenprophylaxe würden sich die Kosten so stark senken lassen, dass das System für die Armen bezahlbar wird.

Wie kann man also dafür sorgen, dass „der kleine José“ aus einem beliebigen Armenviertel regelmäßig zu den Prophylaxemaßnahmen wie Putztraining, Plaquekontrolle, Fluoridierung etc. oder zu zahnärztlichen Behandlungsmaßnahmen erscheint, um damit das Kariesrisiko und die Kosten des Systems statistisch signifikant senken zu können? Dies wurde mit der Entwicklung zweier Kommunikationskreise möglich. Einen, um in der Favela die Kinder zu erreichen, und einen, um das ganze System zu kontrollieren.

In einem Armenviertel ist Kommunikation per Post, Handy oder stationärem Telefon nicht oder nur eingeschränkt möglich. Entweder haben die Menschen dort gar kein Telefon oder, falls sie eins haben, sind die Anschlüsse oft gesperrt, da die Telefonrechnungen nicht bezahlt werden konnten. Trotzdem gibt es eine ganz einfache, billige und sicher funktionierende Kommunikation innerhalb dieser Viertel: Die Menschen leben so eng aufeinander, dass jeder jeden kennt. Will jemand eine Nachricht verbreiten, läuft er laut schreiend durch die enge Gassen. Jeder kann die Neuigkeit hören, egal, ob sie ihn betrifft oder nicht.

So wurde die Idee der Mütterteams geboren (siehe Grafik). Jedes Team besteht aus fünf Müttern. Jede Mutter ist für eine Anzahl von Kindern verantwortlich. Sie weiß, wo die Kinder wohnen und wie die Verhältnisse zu Hause sind und kann somit schnell und effizient reagieren. Ist der Kommunikationspartner eine Schule, übernehmen die jeweiligen Lehrer die Aufgabe der Mütter. Lehrer und Mütter werden zweimal jährlich durch die Kibra-Zahnärzte in sogenannten Mütterworkshops geschult, was die Compliance weiter erhöht.

Der zweite Kommunikationskreis wurde entwickelt, um das System zu steuern und zu kontrollieren. Gemeinsam mit dem Karlsruher IT-Spezialisten Reinhard Vollmannshauser wurde eine internetbasierte Datenbank entwickelt (siehe Grafik). Mit dieser können alle für Kibra relevanten Daten von jedem Ort der Welt abgerufen werden. So werden beispielsweise alle Maßnahmen aus allen Kibra-Projekten in Brasilien von Karlsruhe aus kontrolliert und gesteuert.
Praktisch läuft dies so ab, dass zu Beginn eines Projekts alle Kinder mit ihren persönlichen Daten sowie mit DMF-T-Index (dmf-t) und mit dem individuellen Kariesrisiko in die Datenbank aufgenommen werden. Aufgrund dieser Daten wird jedes Kind einem bestimmten Prophylaxeschema zugeordnet. Kinder mit hohem Kariesrisiko werden einem anderen Prophylaxeprogramm zugeteilt als Kinder mit geringem Risiko. So sind beispielsweise die Frequenz des Putztrainings sowie die Frequenz und die Konzentration der Fluoridierungsmaßnahmen individuell auf das Kariesrisiko des jeweiligen Kindes abgestimmt.
Kommt der kleine José also nicht zu einem vereinbarten Gruppen-Fluoridierungstermin, fällt dies am Bildschirm in Karlsruhe auf. Von dort geht die Nachricht zu der entsprechenden Zahnarzthelferin vor Ort, die wiederum die verantwortliche Mutter oder Lehrerin informiert – am Ende wird der kleine José erstaunt sein, dass sein Fehlen aufgefallen ist.

Jährlich wird der Status durch eine klinische Untersuchung neu aufgenommen. Auf der Grundlage dieser Daten lässt sich genau berechnen, wie sich der Anfangsbefund verändert. Der Anfangsbefund aller bisherigen Kibra-Projekte lag statistisch bei 70:30. Das heißt, bei 70 Prozent der Kinder wurde beim ersten Status Karies festgestellt, nur 30 Prozent waren kariesfrei. Innerhalb von zwei Jahren soll dieser Befund in ein Verhältnis von 30:70 gedreht und stabil gehalten, wenn möglich noch verbessert werden. Aber bereits ab der Relation 30:70 ist eine komplette zahnärztliche Versorgung (Prophylaxe und zahnärztliche Behandlung) der Kinder für zwei Brasilianische Real (0,7 Euro) je Kind und Monat durchführbar. Dies ist ein Betrag, der selbst von der armen Bevölkerungsschicht aufgebracht werden kann.

Mit der Datenbank lassen sich also nicht nur die zahnmedizinischen Maßnahmen überwachen, sondern sie ist unabdingbar für die Aufrechterhaltung der Bezahlbarkeit des Systems. Geplant ist, dass alle Projekte nach einer Initialphase von zwei Jahren Dauer von den Eltern der armen Kinder selbst finanziert werden sollen. Damit wird es möglich, dass die Armen zum ersten Mal selbst ein vollwertiges zahnärztliches Gesundheitssystem für ihre Kinder aufbauen und unterhalten können. Dadurch ist die Nachhaltigkeit gegeben. Um dieses Konzept konsequent weiterentwickeln zu können, hat die Zahnärztekammer Rio de Janeiro Kibra als erste und einzige Organisation ermächtigt, Prophylaxehelferinnen auszubilden. In Zusammenarbeit mit dem Franziskanerorden wird Kibra ab dem Frühjahr 2011 eine Ausbildungsstätte eröffnen, in der junge Frauen aus den Favelas diesen Beruf erlernen können.

Um das Konzept weiter entwickeln und verbreiten zu können, sucht Kibra noch Zahnärzte als Mitglieder sowie Zahnärzte als Projektpaten, die einzelne Projekte betreuen möchten. Darüber hinaus gefragt: die Zusammenarbeit mit anderen zahnärztlichen Organisationen, die Projekte im Ausland haben, Geräte und Instrumente (aktuell: eine Saugmaschine für zwei Stühle, gut erhaltene Einheiten, Turbinen und Mikromotoren, UV-Lampen, Rö-Entwickler) sowie Altgoldspenden. Weitere Informationen über die Arbeit und Ziele der Kibra gibt es im Internet unter www.kibra.org.

Dr. Norbert Lehmann, Karlsruhe

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