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RE: Wenn neue Zähne Luxus sind

von carlos , 16.11.2019 23:12

ein Vorbild: Albert Schweitzer. „Es ist ein Jugendtraum von mir, medizinische Hilfe in den ärmsten Ländern der Welt leisten zu dürfen“, sagt der Münchner Zahnarzt Stefan Rohr. Und diesen Traum hat er sich erfüllt. Seit 2010 ist der 59-Jährige aktives Mitglied der Hilfsorganisation Zahnärzte ohne Grenzen. Seit 2018 ist er sogar der Präsident des Vereins, der derzeit rund 2400 Mitglieder zählt.

Zweimal im Jahr packt Rohr seine fünf Koffer und fliegt nach Afrika, um die Bevölkerung zahnmedizinisch zu behandeln. „Mein erster Einsatz war 2011 in Sambia“, erzählt der Mediziner. Es war das erste afrikanische Land, in dem Zahnärzte ohne Grenzen arbeiteten. „Wir mussten viel improvisieren.“ Seitdem geht es für Zahnarzt Rohr regelmäßig nach Namibia. Die Einsätze organisiert und finanziert er selbst. Lediglich Zahnhelferinnen und Zahntechniker werden vom Verein mit Zuschüssen unterstützt.

In den fünf Koffern: unter anderem Luftballons, Buntstifte, Fußbälle und natürlich auch Zahnbürsten für die Kinder. „Ich verzichte lieber auf persönliche Dinge“, sagt Rohr. Für mehr Platz für die Mitbringsel in seinen Reisetaschen. Der Zahnmediziner ist mit Zahnarzthelferinnen und Zahntechnikern oft über 14 Stunden unterwegs. Von Windhoek geht es mit einem Leihwagen zu den jeweiligen Einsatzorten. Die Routen sind nicht immer einfach, über Schotterpisten zu fahren sei anstrengend, sagt der Zahnmediziner. Reifenschäden gehörten zur Tagesordnung.

Und auch am Einsatzort kann es Probleme geben: „Da es nicht überall Wasser gibt, müssen wir unterwegs abgepacktes Nass kaufen und den fehlenden Strom mit einem mitgebrachten Generator erzeugen. Nichts darf fehlen, was dringend benötigt wird. Das setzt eine akribische logistische Planung voraus“, erklärt Rohr. Seine vorübergehenden Arbeitsplätze sind abgeschiedene kleine Dörfer mit ihren Krankenstationen – bis zu 950 Kilometer von Windhoek entfernt. Und diese sind meist nur notdürftig eingerichtet: „Es gibt keinen Arzt vor Ort, nur eine Krankenschwester oder einen Krankenpfleger“, so Rohr. In der Provinz Karas zum Beispiel versorgen drei staatliche Zahnärzte 92 000 Einwohner.
Mit Zahnlücke bekommen Namibier keinen guten Job

Bei ihren Einsätzen werden Rohr und sein Team stets von einheimischen Krankenschwestern begleitet. Während des Aufenthalts behandeln sie bis zu 1000 Patienten. Und sie besuchen auch Schulen, um den Kindern die richtige Zahnpflege zu zeigen – mit Erfolg. „Die Karies ist signifikant zurückgegangen“, freut sich Rohr.

Medizinische Geräte wie mobile zahnärztliche Arbeitsstühle und Sterilisatoren müssen aus Deutschland mitgebracht werden. Ebenso Medikamente, Füllungsmaterialien und Ersatzteile. Das Gastland stellt eine Arbeitserlaubnis und Zollbefreiung aus, sodass alle Materialien gebührenfrei eingeführt werden können.

Aber nicht nur Füllungen oder das Ziehen von Zähnen stehen bei Rohrs Reise nach Namibia auf dem Programm. „Seit vier Jahren können wir auch Prothesen herstellen. Wir haben ein komplettes mobiles Labor vor Ort“, sagt er. Besonders wichtig sei das, weil Patienten mit Frontlücken in Namibia große Mühe hätten, einen gut bezahlten Arbeitsplatz zu finden. Zahnlücken passen einfach nicht zu einem gepflegten Erscheinungsbild – gerade im Tourismus-Bereich. Die mitreisenden Zahntechniker stellen Kunststoffprothesen her und ersetzen damit die fehlenden Zähne. „Dabei ist es für uns immer wieder berührend, beobachten zu können, wie Patienten erstmals im Spiegel ihr lückenloses, strahlendes Lachen betrachten“, erzählt Rohr. Oft hören er und sein Team dann die Worte: „May I hug you – darf ich Sie umarmen?“

Für einen Zahnarztbesuch legen manche Patienten Gewaltmärsche zurück. Viele von ihnen sind tagelang unterwegs, um sich von Zahnarzt Rohr behandeln zu lassen. Die Verständigung klappt meistens auf Anhieb ganz gut. Die jungen Patienten lernen schon in der Schule Englisch. Die ältere Bevölkerung spricht überwiegend Afrikaans oder eine der elf Stammessprachen in Namibia, für die sich meist ohne Probleme ein Dolmetscher findet.

Zahnbürsten sind bei allen Patienten heiß begehrt, aber leider nicht immer in ausreichender Anzahl vorhanden. Die Namibier wissen sich aber zu helfen, beobachtet Rohr. „Von einem bestimmten Busch werden kleine Zweige abgebrochen, auf denen so lange herumgekaut wird, bis ein bürstenähnliches Gebilde entsteht – ideal zum Zähneputzen.“

Gerne übernachtet der Münchner Zahnarzt auf kleinen Gästefarmen, denn hier bekomme er einen anderen Blick auf das Land – er lerne die Probleme und Sorgen der Farmer kennen. „Jeden Morgen stieg zum Beispiel ein alter Farmer auf eine Sanddüne und betete vor einem Kreuz um Regen. Denn die Regenzeit ist in den letzten Jahren ausgeblieben und das für die Tierherden so wichtige Gras wächst nicht mehr. Das hat mich sehr berührt.“
Für die Einsätze opfert Rohr seinen Jahresurlaub

Ebenfalls ein berührendes Erlebnis für Rohr und sein Team: Die Jungen und Mädchen der vier Schulen von Karasburg haben für sie gesungen, getanzt und sogar ein kleines Theaterstück aufgeführt. „Der Schuldirektor sagte uns, dass man sich auf diesem Wege sehr gerne bei uns bedanken möchte, denn niemand von ihnen hat Geld und kann unsere Leistungen bezahlen.“

Auch in diesem Jahr war Rohr schon zweimal in Namibia: im Februar und Juni. Dafür „opfert“ er gerne – wie seine Kollegen auch – seinen Jahresurlaub. Von seinen Auslandseinsätzen können sich auch seine Münchner Patienten überzeugen. Im Wartezimmer seiner Praxis in der Nähe des Rotkreuzplatzes liegen Fotobücher aus, in denen die Arbeit des Zahnarztes in Namibia genau beschrieben wird. Auch eine Altgoldsammeldose mit der Aufschrift „Ihre alten Kronen für ein neues Kinderlachen“ steht bereit. Mit altem Zahngold können Rohrs Patienten die Zahnärzte ohne Grenzen unterstützen. „Wir sind aber nicht nur auf Zahngold- oder Geldspenden angewiesen“, sagt Rohr. „Wir freuen uns auch über zahnärztliche Instrumente, die aus Praxisauflösungen stammen.“
(Sabine Neumann)

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